La Boca: Das Viertel, in dem der Aufstieg des Fußballidols Maradona begann

Von Thomas Maier

Dem Verkehrschaos entronnen, drückt der Fahrer kräftig aufs Gaspedal. Die letzten Häuserschluchten ziehen in einem Tempo vorbei, als ob der kleine bullige Bus der städtischen Verkehrsbetriebe die im Dauerstau entstandenen Verzögerungen im Nu wettmachen wollte. Plötzlich wird die Sicht frei: Zur Linken säumen kleine zweistöckige Wellblechhäuschen mit Flachdächern die Straße, gestrichen in tristem Hellgrau, das sich an vielen Stellen in ein schmutziges Rostbraun verwandelt hat. Rechts erstreckt sich eine riesige kahle Fläche, auf der eine Handvoll Bolzplätze verstreut sind, die Tore durch einfache Holzpfähle markiert. Auf den gelblichgrünen Grasstoppeln, vor dem Hintergrund der Wolkenkratzer der City von Buenos Aires, jagen Dutzende kleiner Möchtegern-Maradonas den Bällen hinterher.

Wir sind in La Boca: Nur drei Kilometer von der brodelnden Innenstadt entfernt liegt ein Viertel, das keinen schärferen Kontrast zu den in den Himmel wachsenden Bank- und Konzernzentralen der südamerikanischen Vierzehn-Millionen-Metropole bilden könnte. Wie in einem Dorf, unberührt von der Hektik der Großstadt, sitzen die Menschen geruhsam vor ihren Häuschen und kleinen Lädchen, stets zu einem Schwätzchen aufgelegt. Katzen huschen auf der Jagd nach fetten Ratten über die Gassen und verschwinden hinter den Verschlägen der dunklen Hinterhöfe.

Wenige Autos in kaum noch fahrtüchtigem Zustand quälen sich durch die Straßen, dicke Wolken aus Ruß und Abgasen hinter sich herziehend. Vor den mit politischen Parolen beschmierten Mauern und verfallenen Fassaden hüpfen Kinder vergnügt zum Himmel-und-Hölle-Spiel oder jagen bis in den letzten Winkel ihrer geliebten speckigen Lederkugel nach. Eine friedliche Schläfrigkeit liegt wie ein Schleier über dem Viertel.

Nur sonntags vollzieht sich in ganz Boca eine seltsame Wandlung: Häuser und Kneipen sind gelbblau beflaggt, auf den Straßen und in den Wohnungen scharen sich die Menschen um Fernseh- oder Radiogeräte. Und wenn die Rundfunkreporter dann zu ihrem unnachahmlichen langgezogenen, viele Sekunden dauernden Gooooaaaal-Schrei ansetzen, ist im gesamten Viertel ein ohrenbetäubendes Gejohle aus Tausenden von heiseren Kehlen zu hören. Dann weiß auch wirklich der letzte Einwohner Bocas, daß im Stadion, wie eine Festung die Häuschen des Viertels überragend, die einheimische Mannschaft den Ball ins Netz des gegnerischen Tors bugsiert hat.

Die Arena, 1938 erbaut, ist bis heute ein nackter, häßlicher Betonklotz geblieben und durch die Witterung in den verschiedensten Grautönen verwaschen. Die Stehplätze für die Zehntausenden, die regelmäßig dem Fußball huldigen, sind in schwindelerregende Höhen gebaut worden. Symbolhaft sollte das Stadion den Fortschritt auch nach Boca bringen. Heute ist es noch immer die einzige Kulturstätte des Viertels. Zwar gehören die Boca Juniors heute nicht mehr zu den erfolgreichsten Clubs Argentiniens. Doch die armen Vorstädter sind, ähnlich wie Schalke 04 im Ruhrpott, immer noch der populärste Verein des Landes.