Und natürlich hat auch die Karriere von Argentiniens Fußball-Gott, dem aus einem Elendsviertel in Buenos Aires stammenden Diego Armando Maradona, in Boca begonnen. Mit zwanzig Jahren kam er zu den Juniors, wurde mit ihnen 1981 sofort argentinischer Meister und war fortan als Idol für Millionen bereits eine Fußball-Legende. So wie Maradona im Alter von neun Jahren von einem Mann namens Mario Orena beim Straßenfußball entdeckt und in die Kindermannschaft Las Cebollitas (Die Zwiebelchen) aufgenommen wurde, träumen täglich Tausende von Halbwüchsigen von ähnlich großem Glück.

Der Ballkünstler ist allgegenwärtig

Kaum eine Wohnung oder Kneipe in Boca, die sich nicht mit einem Photo des 1,65 Meter großen Ausnahmekönners im gelbblauen Trikot der Juniors schmückt, dem nun – zum Stolz des Viertels – die ferne Millionenstadt Neapel im unterentwickelten italienischen Süden zu Füßen liegt. Und so wie er dem unterprivilegierten Viertel Boca Selbstbewußtsein gegen die wohlhabenden Clubs von Buenos Aires wie River Plate gab, verleihen heute Maradonas Künste dem SSC Neapel die Kraft zur fußballerischen Herausforderung der reichen Städte des Nordens wie Mailand und Turin.

In Boca, wo der Riachuelo in den mächtigen Rio de la Plata mündet, soll der spanische Seefahrer Pedro de Mendoza 1536 die Siedlung Puerto de Nuestra Señora de Buen Aires gegründet haben, den Ort der "guten Lüfte". Doch mit der "guten Luft" war es bald vorbei: Boca wurde zum Synonym für Lärm und Gestank, "Müll-Hafen" nannten die Bewohner von Buenos Aires Boca mit seinen Schiffswerften sowie Lager- und Schlachthäusern für die auch heute noch wichtigsten Exportgüter des Landes: Wolle, Fleisch und Häute der Millionen von Rindern und Schafen, die auf den weiten Flächen der argentinischen Pampa grasen.

Dann jedoch ließen sich Einwanderer, die aus den damals bettelarmen Teilen Europas ins vermeintliche südamerikanische Eldorado strömten, im "Müll-Hafen" nieder: Griechen, Galizier, Slawen und vor allem aus Genua kommende Italiener. Boca wurde zur eigentlichen Seele des bis dahin wenig bekannten Riesengebildes "Argentinien": die Gefühle der Neuankömmlinge aus Hoffnungen, Enttäuschungen, Ängsten und Heimweh verbanden sich zu einer Mischung, die im Tango ihren Ausdruck fand. Eine Musik der armen Leute zum wehmütigen Gesang der Bandoneon-Spieler, getanzt in einer lasziven Vulgarität, über die die argentinische Oberschicht in ihrer abgeschotteten Welt erst dann nicht mehr die Nase rümpfte, als der Tango im fernen Europa salonfähig geworden war.

Erfahren im Bauen auf morastigem Untergrund, stellten die Genueser ihre bescheidenen Häuschen aus Holz und Blech auf Pfeiler. Als Anstrich diente ihnen die Pastellfarbe, die für die auf den Werften liegenden Schiffe gedacht war. Ähnlich wie in den verwinkelten Gäßchen der Altstadt Genuas wurde auch Boca zu einem überschaubaren Viertel, in dem Nachbarschaftshilfe und Solidarität zählten. Gefürchtet wurde nur die Natur: Gegen die regelmäßigen Überschwemmungen war vor jedem Haus ein kleines Boot über dem Eingang befestigt.

Die Boote sind inzwischen längst verschwunden. Nur die überhöhten Gehsteige erinnern an die einstige Bedrohung durch das Hochwasser. Als der Hafen vor einigen Jahrzehnten verlegt wurde, wanderten viele der ehemaligen Bewohner ab. Im Riachuelo dümpeln nur noch einige verrostete Kähne und Fischkutter, der über dem Fluß liegende faulige Gestank steigt in jede Nase.