Geblieben ist der dörfliche Charakter Bocas. Die neuen Bewohner des Viertels – Arbeiter, Taxifahrer und kleine Angestellte – haben genausowenig Geld für die Verschönerung ihrer Häuschen wie ihre Vorfahren. Doch Löcher in Blechdächern und Mauern werden notfalls auch mit Pappe oder Brettern notdürftig gestopft. Zugleich bleibt kein Meter in den Hinterhöfen ungenutzt: Zwischen verschachtelten Gängen aus Brettern und Wellblech – niemand weiß genau, wie viele da in ihren Verschlägen wohnen – bleibt immer noch ein Plätzchen für ein mit Liebe angelegtes Gärtchen oder Gemüsebeet.

Ein buntes Symbol der Hoffnung

So wie in diesen winzigen grünen Inseln keimt in ganz Boca trotz aller Armut und Melancholie immer wieder Hoffnung auf bessere Zeiten auf. Zum farbenprächtigen attraktiven Symbol dafür wurde ein kleines, kaum hundert Meter langes Gäßchen, der Caminito. Die in sonnenblumengelb, feuerwehrrot und azurblau getauchten Häuschen, auf deren kleinen Balkonen die bunte Wäsche trocknet und Kanarienvögel in ihren Käfigen vor den Fenstern singen, verbreiten behagliche Wohnlichkeit. Künstler aus Boca haben entlang des Caminito Reliefs geschaffen, die dem Besucher die Lebensgeschichte des Viertels und seiner Bewohner erklären. Die Ankunft der Schiffe auf dem Riachuelo, die harte Arbeit und natürlich der Tango.

Der Caminito ist zu Ehren des berühmten Tangodichters Juan de Dios Filiberto entstanden, der aus Boca stammte. Ein Freund konnte die Stadtverwaltung dafür gewinnen, inmitten des verfallenen Viertels die bunteste Straße von ganz Buenos Aires zu zaubern. Mit seiner Verklärung der Vergangenheit steht der Caminito für ein Boca, wie es alle gern hätten und wie es doch nie sein wird.

So entpuppt sich auch der leuchtende Caminito letztlich als Fassade: Von dem Gäßchen, das früher einmal Abstellgleis für die Eisenbahn war, gibt es keine Zugänge zu den bunten Häuschen. Eine geschlossene Mauer verwehrt den Blick in die Höfe. Auf dem Caminito selbst versuchen einige fliegende Händler, den auch an Wochenenden nur spärlich vertretenen Touristen mit kitschigen Tangobildern argentinische Australes abzuluchsen. Und am Ende des Wegs gibt auf der Plaza eine betagte Tangoband mit einem ebenfalls nicht mehr taufrischen Tanzpaar ein paar Evergreens zum Besten.

Wie Boca sucht derzeit ganz Argentinien Trost in der Vergangenheit. Denn in dem 1945 noch achtreichsten Land der Erde ist ein Ende der seit Jahren dauernden schweren Wirtschaftskrise nicht in Sicht. Doch trotz der fortschreitenden Verelendung der Einwohner Bocas ist das Stadion sonntags so voll wie eh und je. Und alle warten sehnsüchtig darauf, daß der bestbezahlte Fußballer der Welt, Maradona, sein Versprechen einlöst und 1993 zum Abschluß seiner Karriere wieder nach Hause kommt. Zu den Boca Juniors natürlich.