Taschenbuch

Von Klaus Modick

Spötter behaupten, er habe Gustav Mahlers Witwe Alma nur deshalb geheiratet, weil er die Musik mehr geliebt habe als die Literatur, und Robert Neumann befand, dieser Schriftsteller sei im Grunde selber ein Operncharakter gewesen: Franz Werfel, der ganze Opern auswendig kannte und während der Arbeit an seinen Büchern Verdi-Arien zu schmettern pflegte. In der Parabel „Die Erschaffung der Musik“, im Rahmen der lobenswerten Werkausgabe erschienen in dem Erzählband „Die schwarze Messe“ (Fischer TB 9450, 16,80 DM), beschreibt Werfel die Musik als Erinnerung an paradiesische Zustände: „es war eine süße Ordnung, eine zarte Welt ohne Schuld, eine Vollendung von Gesetzen, die sich an den Händen hielten, ein Zusammensein von leichten Wesen, ohne Hochmut und voll Liebe, ein Kommen und Gehen von flatternden Gestalten, die sich nicht stießen und ineinander lächelten“.

Und solche süße Ordnung, sagte übrigens Thomas Mann einmal, spiegele sich in der Komposition von Romanen; sein „Zauberberg“ sei ihm eine Sinfonie gewesen, in der die musikalischen Motive von den Ideen gespielt würden; Leitmotive habe er „als vor- und zurückdeutende Formeln“ genutzt, als „musikalische Mittel“, innere Romanzusammenhänge herzustellen. In diesem Sinn ist auch Eckhard Henscheids Roman „Dolce Madonna Bionda“ (Haffmanns TB 1027, Erstausgabe 1983, 18,– DM) musikalisch komponiert. Leitmotiv ist hier ein leicht trivialer toscanischer Tango, der dem nach Italien gereisten Musikwissenschaftler und -kritiker Bernd Hammer zum Sieg der süßen Ordnung über Wissenschaft und Kritik verhilft: „Schon mit der zweiten Strophe vermeinte Hammer qualmend, reines, vollkommenes Glück zu spüren, ja zu saugen – erstmals seit 1968. Ein Glück, in dem sich nutzlose Erregung und friedsames Wohlwollen darüber, wie ewig alles so nichtig war und nichtend weiterkurvte, wechselseitig die Waage hielten und zugleich beschwingt emporschaukelten – zum Licht?“

„Der hohe Ton der Sängerin“ (Luchterhand SL 854, 16,80 DM) versammelt Musik-Erzählungen des 19. Jahrhunderts, von E.T.A. Hoffmann, Adalbert Stifter, Theodor Storm und anderen. Das zentrale Muster dieser Erzählungen bezeichnet der kundige Herausgeber Jörg Theilacker als „Integration eines fremden und somit gefährlichen’ Stoffes als Erzähler, ohne daran zugrundezugehen“. Fremd und gefährlich ist die Erotik der Sängerinnen, fremd und gefährlich aber auch die sprachlich nicht faßbare Musik als literarisches Sujet.

Nicht selten ist das schöpferische Scheitern von Musikern in diesen Geschichten die Ursache ihrer „Geburt als Erzähler“ – ein Zusammenhang, der sich auch an Richard Wagners Novellen und Aufsätzen „Ein deutscher Musiker in Paris“ (dtv 2215, EA 1987, 9,80 DM) beobachten läßt. Der Herausgeber Martin Gregor-Dellin weist darauf hin, daß Wagners musikalischer Mißerfolg in Paris diese Prosastücke entstehen ließ, Skizzen des romantischen Künstlertypus.

„Für jemanden, der in Eile ist, könnte man das ganz einfach erzählen, wie eine Meldung in den Tagesnachrichten. Rasch also und nur das Wichtigste: Ein Herr Szabo hatte in Budapest ein Restaurant. In dem Restaurant spielte ein Pianist. Der erfand eine Melodie. Die wurde auf Schallplatte aufgenommen, wurde weltberühmt und löste eine seltsame Wirkung aus. Der Herr Szabo ist tot. Der Herr Pianist ist auch tot. Verschiedene andere Personen sind ebenfalls verstorben.“ Die Melodie mit der seltsamen Wirkung aber heißt „Das Lied vom traurigen Sonntag“, und so heißt auch Nick Barkows Roman (rororo 12484, 8,80 DM), der diese Wirkung von Musik zum Drehpunkt seiner tragikomischen Geschichte macht, in der ein ehemaliger SS-General nach 1945 zum Wirtschaftsführer aufsteigt – und in Form der traurigen Melodie von seiner Vergangenheit eingeholt wird.