Magnifizenz! Sehr verehrte Damen und Herren von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität! Ich danke Ihnen für die Ehrenpromotion zum Doktor der Philosophie, der mir lieb ist. Ich danke Herrn Professor Doktor Müller-Waldeck für die herzliche und genaue Darlegung meines Lebens in seiner Laudatio.

Ich scheue mich, den Ehrendoktorhut, der hier nicht zu sehen ist, aufzusetzen. Ich bin in Greifswald geboren, und es begann ein Leben gegen die Norm. Greifswald und die Gesellschaft zeigten sich mir feindlich, glaubte ich, und ich stellte mich gegen die Gesellschaft feindlich. Ich kündigte die Schule in Greifswald, die mich zur Nützlichkeit erziehen wollte, ich versetzte mich auf die Universität, ohne eingeschrieben zu sein. Zuerst eroberte ich mir den Lesesaal mit vielen Zeitungen, dann die Hörsäle. Ich erinnere mich an die Professoren Merker und Stammler. Mich förderte bald der Direktor der Universitätsbibliothek, Doktor Reich. Er schloß mir den Tempel auf, in den ich hineinwollte. Ich verbrachte Tage auf der eisernen Galerie über dem Arbeitssaal, von Büchern umgeben. Ich war glücklich. Manchmal sprach Herr Doktor Reich zu mir. Ich bin ihm heute noch dankbar. Mein Spiel galt nicht einem Diplom oder der Aussicht auf einen akademischen Beruf. Es war reiner Wissensdurst, intellektuelle Neugier, Büchersucht. Ein Vergnügen. Mein Praktikum wurde das Stadttheater. Ich besuchte den Intendanten und bat, das Schauspiel von Georg Kaiser, „Gas“, inszenieren zu dürfen. Emanuel Voß hatte Humor. Ich wurde an seinem Theater so etwas wie ein Mädchen für alles. Inspizient, Statist, Kleindarsteller, gelegentlich Regieassistent bei ihm, dem Chef. Er, Voß, liebte Wagner und fragte mich, als wir uns etwas näher kannten, wo der Stuhl in der letzten Wagner-Inszenierung auf der Bühne gestanden hätte.

Ich ging nach Berlin, studierte bei Julius Batt Theaterwissenschaft, arbeitete für meinen Unterhalt in der Lampenfabrik von Osram im Testsaal der Glühbirnen. Ich hatte die ausgebrannten Glühbirnen auszuschrauben, durch neue zu ersetzen und dieses zu notieren.

Vom vierten Rang des Olymps aus beobachtete ich das große Berliner Theater der Zeit. Die Politik und die armen Leute studierte ich auf den Straßen. So gebildet kam ich als Dramaturg nach Würzburg. Ich setzte mich für Hans Henny Jahnn ein, vergebens. Den Norddeutschen faszinierte Süddeutschland, ich trank Wein und lief in die Kirche. Das war nicht Frömmigkeit, das war Bewunderung für ehrwürdiges Theater.

Doch wollte ich zurück nach Berlin und wurde Mitglied des dramaturgischen Kollektivs der Piscator-Bühne. Piscator hatte dieses Theater am Nollendorfplatz in Berlin gerade eröffnet. Meine Kollegen waren arrivierte Schriftsteller. Ich lernte Ernst Toller, Walter Mehring und Egon Erwin Kisch kennen. Wir durften dem berühmten Regisseur Piscator bei den strengen Proben zusehen. Mehr hatten wir nicht zu sagen.

Ich brauchte Geld und begann, für die Berliner Zeitungen zu schreiben. Ich schickte meine Manuskripte mit der Post, sie wurden gedruckt. Ich habe nie eine Redaktion besucht. Herbert Ihering, der führende Theaterkritiker neben Alfred Kerr, wollte mich kennenlernen. Er hatte irgendwas von mir gehört oder gelesen. Ich wurde Feuilletonredakteur am Berliner Börsen-Courier, einem alten, angesehenen Blatt. Bedeutend nicht nur im Handelsteil, wichtiger noch als kritisches Organ der Künstler, fördernd oder verweisend, zugetan dem Neuen, dem Ungewöhnlichen, der Avantgarde. Engagiert für die Freiheit des Wortes und der Gestaltung und für die Moral der Schöpfung. Ich wurde freier Schriftsteller in einer unfreien Zeit. Verlorene Jahre. Eine Existenz im Versteck, auf des Messers Schneide – bis zum Ende der Diktatur – dann, endlich, das Morgenrot.

Der Schriftsteller im freien Deutschland des verlorenen Krieges durfte frei schreiben. Manchmal wurde er beschimpft. Das Schreiben ist immer oppositionell, selbst im freiesten Staat. Das Schreiben ist eine Opposition an sich. Wer schreibt, denkt und fordert die Gedankenfreiheit. Der Gedanke läuft oft fremde, unbekannte, gar erschreckende Wege. Ich schrieb, von Fesseln befreit, Romane, Essays, kurze Prosa. Das wurde anerkannt. Ich bekam den Büchner-Preis, ich reiste, um meine Welt kennenzulernen. Ich fliege gern, doch nicht zu schnell, von einem Ort zum andern. Schnell zu kommen, das will ich gar nicht. Das Flugzeug bleibt für mich ein fliegender Teppich im Märchen. Ich schwebe unter einer fremden Sonne, ich schwebe über einem dunklen Land. Es klopft das Herz.

Vor einem Jahr reiste ich auf einem Schiff von Singapur nach Suez. Ich ging in den Häfen an Land, allein, ich genoß die Einsamkeit in der Menge. Was sah ich: Kriege, Armut, Elend, Haß und zerstörte Schönheit, die weinen machte.

Ich arbeite seit Monaten an einem Roman der Reise. Ich kämpfe mit dem Stoff, mit dem Roman. Die Seefahrt war nicht lustig. Es droht ein Schiffbruch, ein Untergang. An Bord suchte ich Sindbad, den Seefahrer auf dem arabischen Meer. Mich beschäftigte Jean Paul, der nie zur See gefahren ist und in seiner süddeutschen Kleinstadt abends nach dem Abendessen um den Südpol ruderte. „Ein stilles, weites Land der Seele und das leere Meer unter dem leeren Himmel.“