Von Perdita Huston

LONDON. – Als ich vor acht Jahren zum letzten Mal in das ländliche Algerien zurückkehrte, zeigte sich Mémé, meine algerische „Adoptivmutter“, äußerst ungehalten über die Situation im Lande. Und sie faßte ihren Unmut in dem Satz zusammen: „Hier gibt es doch nur noch Ausländer.“

„Ausländer?“ fragte ich. „Es gibt doch in dieser Stadt gar keine Ausländer.“ – „Du irrst dich“, war ihre Antwort. „Nur wenige Leute hier stammen noch aus Birtouta. Die Bevölkerung ganz Algeriens ist hin und her verfrachtet worden. Wir sind uns heute alle fremd.“

Mémé, die Frau des Bäckers, hatte es schon immer vorgezogen, auf der Straße verschleiert aufzutreten. Ihren einzigen Sohn hatte sie im Unabhängigkeitskrieg verloren. Nun erzählte sie mir – eine gebildete, verständige Frau –, daß sie als Folge dieser neuen Anonymität ihre Wohnung nicht mehr verlasse. „Es gibt hier keinem gegenüber mehr Respekt, ob verschleiert oder nicht, Mann oder Frau; nur Hooligans bevölkern die Straße.“

Vor sechs Jahren starb Mémé. Als ich von dem jüngsten Erfolg der islamischen Fundamentalisten bei den Regional- und Gemeindewahlen Algeriens hörte, fragte ich mich, wem sie wohl ihre Stimme gegeben hätte.

Ich kam zum ersten Mal als Frau eines französischen Wehrpflichtigen während des Unabhängigkeitskrieges nach Algerien. Rassismus, Brutalität, Folter, Enteignung und Entführung waren damals alltägliche Ereignisse. Als Frau konnte ich mit Frauen arbeiten, mit Witwen, die sich irgendwie in dem Flüchtlingsdasein zurechtfanden. Einige von ihnen brachten nachts Nahrung in die Berge, andere Nachrichten, einige sogar Munition. Die Folgen waren entsprechend: Entbehrung, Folter, Vergewaltigung, Gefängnis.

Die Tragödie in Mernes Leben war der Tod ihres Sohnes. Er wurde von französischen Gendarmen gefaßt, als er Flugblätter für die Algerische Befreiungsfront FLN verteilte. Erst wurde er geschlagen, dann mit dem Kopf in einen Weinkübel getaucht bis er ertrank – noch in seinem Tod wurde er, der Muslim, dadurch gedemütigt, daß er Alkohol trinken mußte.