Die Menschen in der DDR gehen mit Westgeld offenbar vernünftiger um, als das viele erwartet haben. Zum blinden Sturm auf Kaufhäuser gleich nach dem Start der Währungsunion wird es nicht kommen. Statt sich einem Konsumrausch hinzugeben, werden die meisten ihre neuen D-Mark nach dem 1. Juli vorerst auf dem Bankkonto lassen und für magere Zeiten – etwa eine längere Arbeitslosigkeit – zurücklegen. Darauf jedenfalls deuten die bisher vorliegenden Anträge auf Barauszahlung hin. Befürchtungen, es werde Anfang Juli zum Nachfrageboom und damit zu einem Inflationsschub kommen, erscheinen nun als unbegründet.

Jeder Bürger der DDR hat das Recht, in der kommenden Woche bis zu 2000 D-Mark in bar von seinen Bankkonten abzuheben. Vorher muß er sich jedoch einen scheckähnlichen Auszahlungsschein besorgen, auf dem die gewünschte Summe eingetragen wird. Die meisten der bisher ausgestellten Scheine lauten auf Beträge von weniger als tausend Mark. Außerdem zeichnet sich ab, daß ein großer Teil der DDR-Bürger sogar völlig auf sein "Startgeld" in die Währungsunion verzichtet. Aus vielen Familien wurde nur ein einziger Antrag auf Bargeld eingereicht, obwohl jede Einzelperson die 2000 D-Mark in der ersten Woche beanspruchen kann.

Die sich abzeichnende Zurückhaltung der DDR-Bürger freut auch die Deutsche Bundesbank. Sie hatte in den vergangenen Tagen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Bargeld in Wert von 25 Milliarden D-Mark in ihre DDR-Filialen transportieren lassen. Und da wahrscheinlich ein großer Teil des Geldes nun in den alten Tresoren der ehemaligen Staatsbank liegenbleibt, hält sich der erwartete Zuwachs der Bargeldmenge in einem beruhigenden Rahmen. Innerhalb der Bundesrepublik mußten da schon größere Schwankungen verkraftet werden, etwa als der Bargeldumlauf im Oktober 1988 kurzfristig um zwanzig Milliarden D-Mark anschwoll.

Auch technisch und organisatorisch haben die Frankfurter den Start der Währungsunion fest in Griff. Günter Storch, der an der Bundesbank-Spitze für die Währungsumstellung zuständig ist, gibt sich zuversichtlich, daß es zu keinen größeren Schwierigkeiten kommen wird. Die muffigen Räumlichkeiten der DDR-Staatsbank habe man notdürftig hergerichtet, und das Personal an den Auszahlungsstellen – teils "Fremdarbeiter" aus der Bundesrepublik, teils ehemalige DDR-Banker – sei gut vorbereitet.

Probleme könnte es allerdings beim Kleingeld, speziell mit den Pfennigen geben. Alle Markstücke und Scheine der DDR-Währung sind vom 1. Juli an kein Zahlungsmittel mehr. Nur wer sie auf ein Bankkonto einzahlt, bekommt sie in harte D-Mark umgewechselt. Nicht so die Alu-Chips, wie DDR-Pfennig-Münzen abfällig genannt werden. Weil die Prägestellen in der Bundesrepublik nicht nachkommen, bleiben vorerst alle alten Pfennigstücke gültig.

Aufgeweckte "Ossis" haben schnell erkannt, daß sich mit DDR-Pfennigen damit ein kleiner Umstellungsgewinn erzielen läßt. Während das große Geld – via Konto – von einem bestimmten Betrag an im Verhältnis von 2: 1 umgetauscht wird, sind die leichten Alu-Chips allesamt auf einen Kurs von 1 : 1 gesetzt worden. Je mehr Pfennigstücke jemand besitzt, um so mehr D-Mark bekommt er für sein Geld. In der DDR hat denn auch das große Sparschwein-Schlachten begonnen: Mark-Münzen werden ordnungsgemäß auf das Bankkonto gebracht, die leichten Alu-Chips hingegen werden gehortet. Von Sonntag an sind sie den edlen DM-Pfennigen ebenbürtig. Vereinzelt ist es bereits zu einem Mangel an Kleingeld gekommen. Einigen Kassen ging das Wechselgeld aus. Udo Perina