Ansonsten habe er nichts in jenem Amtszimmer verändert, in dem schon Willi Stoph und Hans Modrow residiert hatten. Nur die eine Graphik habe er sich mitgebracht: „Der Prediger in der Wüste.“ Sie stammt von einem Freund. „Bei dem habe ich mich mit der Chaconne bedankt“, sagt Lothar de Maizière. Auf der Geige oder auf der Bratsche? „Auf der Bratsche.“ Ob er die Chaconne aus der Partita II in d-moll von J.S. Bach nicht als Zugabe bieten wolle, demnächst in Greifswald, wenn er am 7. Juli zur Eröffnung des 1. Musikfestes Mecklenburg Vorpommern ein Telemann-Konzert spielt? „Da müssen Sie mir vorher ein dreiviertel Jahr fürs Üben freigeben.“

Wer Bachs Chaconne als Staatsexamensstück wählt, und das auch noch auf der Bratsche mit ihren heiklen Anspracheproblemen, der hat sich jedenfalls einiges vorgenommen. Doch mit Lothar de Maizière über Musik zu reden lohnt sich nicht nur aus musikalischen Gründen. Auf diese Weise erfährt man auch einiges über den Politiker de Maizière.

Maiziere beschreibt seinen Werdegang als eine absteigende Laufbahn: erst Musiker, dann Rechtsanwalt, jetzt Politiker ... Diese Bemerkung weckt Erinnerungen an die Versailler Friedensverhandlungen. Der damalige polnische Ministerpräsident Ignaz Johann Paderewski, auch er im Zivilberuf ein Musiker, wurde Georges Clemenceau vorgestellt: Der polnische Vertreter sei Pianist gewesen. Darauf der Franzose: Quelle chute! – Welch tiefer Fall! Daß Lothar de Maizière die Ironie nicht den altprofessionellen Politikern überläßt, sondern ihnen darin – melancholisch und selbstbewußt zugleich – zuvorkommt, das kann niemanden verwundern, der die Bratscher kennt.

Es ist inzwischen fast eine kleine Mode geworden, daß Politiker sich öffentlich als musische Menschen vorstellen – ein wenig nach dem Motto: Böse Menschen haben keine Lieder, wer also singt oder spielt... Vor Jahren schon lästerte die Süddeutsche Zeitung in ihrem Streiflicht über Helmut Schmidt und seine beiden Flügeladjutanten, Justus Frantz und Christoph Eschenbach.

Bei Lothar de Maizière ist die Sache umgekehrt: Wenn er sich – so mag das Publikum denken – als Musiker, noch dazu als Bratscher, im Tutti wie im Solo durchsetzen kann, dann wird er sich wohl auch in der Politik Gehör verschaffen. Übrigens, so der Ministerpräsident, habe er schon als Anwalt sehr genau überlegt, ob er im Rondo oder in der Form des Sonatensatzes zu plädieren habe. Jedenfalls kann man Lothar de Maizière beim Musizieren zuhören, ohne dabei denken zu müssen: Aber reden kann er gut.

Die Bratscher bilden unter den Musikern eine eigene, sehr besondere Gruppe. Im abträglichen Spott-Jargon der Branche heißt dies zugespitzt: Die Welt der Musik zerfalle in Musiker und Bratscher. Das ist natürlich vollkommen ungerecht, doch zum einen spiegelt es die gewöhnlichen Vorurteile wider, und zum anderen läßt es ahnen, welchen Proben das Selbstbewußtsein der Bratscher unterworfen ist. Einer ihrer berühmtesten Vertreter, William Primrose, zitiert dazu das französische Ondit: „Ce qui est trop bete pour etre chante, on le danse“ – Was zu dumm ist, um gesungen zu werden, das tanzt man. Anders ausgedrückt: Bei wem es für die Geige nicht reicht, dem drückt man eine Viola in die Hand. Und dabei ist es um so vieles schwieriger, die Chaconne auf der Viola statt auf der Violine zu spielen. Abgesehen davon, daß sie so auch noch viel bewegender klingen kann...

Der Bratscher und der Prediger in der Wüste: Beide Figuren passen gut zusammen. Beide haben sie etwas zu sagen, stets von tiefer Substanz, aber zugleich auch ohne Hoffnung auf den Beifall, der den Schaustellern vorbehalten bleibt. Was Bratscher ihrer Rolle wegen nicht an Glanz auf sich ziehen können, machen sie durch Einfühlungsvermögen und Hingabe an die Sache wett – und durch den Eigensinn derer, die wissen, daß Eitelkeit an ihnen erst recht lächerlich wirken würde, daß es die Zwischentöne sind, in denen sie sich zur Geltung bringen können und müssen.