Eine umfängliche Studie zur „Lesekultur in beiden deutschen Staaten“ hat Ursula E. E. Köhler vorgelegt (Archiv für Soziologie und Wirtschaftsfragen des Buchhandels, als Beilage zum Börsenblatt). Darin werden die unterschiedlichen Bedingungen analysiert, die es bisher für den Umgang mit Büchern in beiden deutschen Staaten gab. Die Herrschaft des Marktes auf der einen, die des Planes – der in diesem Bereich natürlich hohe kulturpolitische Ambitionen aufwies – auf der anderen: Der nächstliegende Unterschied waren die Buchsortimente. In der Bundesrepublik wurden weit mehr Buchtitel produziert, insgesamt aber weniger Bücher als in der DDR (pro Kopf der Bevölkerung). Der DDR-Buchmarkt war weit „einheitlicher“ als der bundesdeutsche. Dabei erschienen in der Bundesrepublik mehr Sachbücher als in der DDR; entsprechend war der Anteil der belletristischen Produktion (BRD: 18 Prozent, DDR: 35 Prozent). Wohlgemerkt: nicht der belletristischen Titel, sondern des Produktionsvolumens, das deshalb in der DDR so viel höher ist, weil dort weit größere Auflagen belletristischer Bücher verkauft werden konnten als hierzulande. Dies hat mehrere Ursachen. Zum einen das Preisgefälle, die Tatsache, daß ein DDR-Buch bisher circa ein Fünftel dessen kostete (in Mark der DDR), was es im Westen gekostet hätte. Eine andere Ursache ist im bisher weit geringeren „Freizeitangebot“ zu sehen (unter den Freizeitbeschäftigungen rangiert das Bücherlesen in der DDR an dritter, in der BRD an neunter Stelle; an dritter Stelle steht in der BRD das Zeitunglesen). Auch die schmalere Auswahl, die ein DDR-Leser in seiner Buchhandlung vorfindet, dürfte hier eine Rolle spielen. Die literaturpolitischen und literaturpropagandistischen Aktivitäten führten zu meßbaren Unterschieden in der Lesekultur. In den sogenannten „einfachen Bildungsschichten“ ist die Zahl der Nichtleser in der DDR weit geringer als in der BRD. In der Untersuchung wird ein „quantitativer Zuwachs des Lesens in der DDR“ festgestellt, wobei die DDR-Lesekultur den Eindruck einer „Durchschnitts- oder Breitenkultur“ mache. Im Westen gibt es mehr Vielleser und Nichtleser, in der DDR mehr Leser mit durchschnittlichem Lesequantum. Das BRD-Publikum erweist sich auch hier als ausdifferenzierter; Lesen erscheint eher mit dem Beruf oder sozialen Stand verbunden als in der DDR. Die veröffentlichte Literaturkritik spielte bei der Auswahl der Lektüre in der DDR eine weit geringere Rolle als die „Flüsterpropaganda“; hierzulande ist es umgekehrt. In der BRD werden mehr Bücher gekauft, in der DDR mehr Bücher gelesen. Dabei wird nicht nur privat mehr verliehen, auch die Frequentierung der Bibliotheken ist in der DDR höher. Im Resümee der Studie heißt es, daß die „kulturelle Sonderentwicklung“ zu größeren quantitativen und mutmaßlich geringfügigeren qualitativen Unterschieden in der Lesekultur führte. Martin Ahrends