Von Manfred Sack

Wie sich das schon anhört: „neues Bauen in alten Städten“ – so selbstverständlich, so banal, so tautologisch, als werde (wie ein Architekt ironisch anmerkte) nicht immer in „alter Umgebung“ gebaut und als sei, was gebaut werde, nicht ohnehin „neu“. Doch der Slogan, mindestens seit dem so merkwürdig erfolgreichen europäischen Denkmalschutzjahr 1975 in Umlauf, ist ein Evergreen geblieben. Nicht zu zählen die Manuskript- und Vortragsseiten, auf denen das Thema unermüdlich in immer neuen Varianten, mit immer den gleichen Empfehlungen vor immer den gleichen Adressaten abgehandelt worden ist, vor Architekten, vor störrischen Kommunalpolitikern und hartnäckigen Altstadt-Schutzvereinen, vor Denkmalpflegern und Baubeamten aller Art, und womöglich haben dann und wann auch ein paar private Bauherren zugehört. Und: Hat es etwas genützt?

Noch immer nicht genug. Noch immer ist die Ratlosigkeit der meisten Architekten im Umgang mit Altstadt-Baulücken größer als die Einfallskraft und die Courage; ist die Versuchung, ästhetischen Konflikten aus dem Wege zu gehen, die historischen Nachbarhäuser nachzuempfinden, womöglich zu zitieren, stärker als das Selbstbewußtsein, dem Ort etwas Eigenes zuzumuten, ihm etwas Heutiges einzufügen – so wie die Barockbaumeister ihre laut geschwungenen Fassaden neben die stillen, harten der gotischen Baumeister gesetzt haben und die nachbarliche Bindung allein über den gleichen, oft für eine ganze Stadt verbindlichen Maßstab erstrebten – unbewußt, ganz selbstverständlich.

Heute indessen hat das kaum noch ein Architekt „in den Fingerspitzen“ – Proportion, Gestalt, Material. Wie denn aber auch anders, da es doch jahrzehntelang kein Thema an den Hochschulen war, da doch beim flotten Nachkriegsbauen „auf der grünen Wiese“ am Stadtrand viel eher ökonomische als ästhetische, als architektonische Rücksicht zu üben war. Das „neue Bauen in alten Städten“ ist den meisten Architekten niemals eingeübt worden, und da es die Verbindlichkeiten eines allgemeinen Stiles schon lange nicht mehr gibt, da man es so, aber auch ganz anders „richtig“ machen kann, entstehen lauter kleine architektonische Ungeheuer, Häuser und Häusergruppen von peinlicher stilistischer Imitationslust, Häuser von impertinenter Unbedarftheit, Häuser auch von grobem „modernem“ Imponiergehabe.

Manche der alten Städte – wie Tübingen oder Lübeck – versuchten, sich davor durch Gestaltungssatzungen zu schützen. Nur spürte man bald, daß derlei Restriktionen weder vor dem Schlimmsten bewahren noch die bessere, die exemplarische oder einfach nur: die gute Architektur herzufordern vermochten.

Nicht zuletzt die Hoffnung, um des besseren, ehrlicheren Bauens willen eines Tages auf derlei Regularien verzichten zu können, gehörte zu den Motiven einer außergewöhnlichen Anstrengung, die die drei alten gepriesenen Städte Bamberg, Lübeck und Regensburg auf sich genommen haben. Sie haben damit zugleich ihre seit 1973 bestehende Arbeitsgemeinschaft wieder aufleben lassen und unter den Architekten Bayerns und Schleswig-Holsteins, Hamburgs und Berlins (und ein paar dazu geladenen Koryphäen) einen anstrengenden Wettbewerb veranstaltet. Jede der drei Städte hatte eine ebenso interessante wie schwierig zu bebauende Lücke in ihrem Stadtgefüge präsentiert, alle versprachen den Preisträgern, daß ihre prämierten Projekte gebaut werden würden. Dafür hatten aber auch alle die enorme Last auf sich nehmen müssen, je einen Entwurf für jede der drei Städte anzufertigen: Es sollte von ihren Gedankenübungen etwas Beispielhaftes ausgehen.

Achtundvierzig Architekten, immerhin, haben sich dieser exklusiven Alltagsaufgabe gestellt. Die in Regensburg versammelte Jury fand für alle drei Baulücken an allen drei Orten würdige Preisträger. In Bamberg gewann der Entwurf der örtlichen Architekten Püls und Mertel; für Lübeck wurde ein Entwurf der in diesem speziellen Metier erfahrenen Architektenfamilie Joachim und Margot Schürmann in Köln ausgesucht; für den Regensburger Bauplatz planten am kühnsten die Eichstätter Architekten Karl Frey und Norbert Ditzinger, die wohltrainierten Nachfolger des Diözesenbaumeisters Karljosef Schattner. Unter den anderen Preisträgern taten sich, mehrfach, auch die sehr begabte Veroneserin Gracia Maria Eccheli mit sehr entschiedenen Entwürfen hervor, auch der Lübecker Architekt Ivan Peter Chlumsky und die Münchner Habenstreit und Schröter.