Auf dem neuen DDR-Markt erhoffen sich die bundesdeutschen Versandhändler einen deutlichen Wettbewerbsvorsprung vor ihren Konkurrenten des stationären Einzelhandels. Die Versender müssen nicht mühselig nach Läden und Lagern fahnden – sie schicken ihren neuen Kunden einfach den Katalog ins Haus. Schon Ende März startete der Fürther Versender Quelle mit vier Bestellagenturen in der DDR. Bis zum Jahresende sollen es „einige Hundert“ sein und am Ende an die 1500 Standorte. Auch der zum Karstadt-Konzern gehörende Neckermann Versand will die DDR schrittweise erobern.

Der Hamburger Otto Versand ist schon vom 2. Juli an, dem Tag, an dem die D-Mark Einzug hält, mit tausend Bestellzentren flächendeckend vertreten. Firmenchef Michael Otto ist es gelungen, die Konsumgenossenschaften als Partner zu gewinnen. In den Konsumläden sollen in einer Art shop in the shop die neuen Otto-Kunden durch frisch geschulte Mitarbeiter betreut werden. Parallel dazu soll ein Sammelbestellsystem aufgebaut werden.

Die Versandhauskataloge – seit langem schon begehrte Lektüre in der DDR – haben für die im Wettbewerb noch ungeübten DDR-Bürger ihre Vorteile: Man muß nicht unter Druck einkaufen, kann in Ruhe vergleichen. Und die Preise bleiben ein halbes Jahr unverändert. Auch für die Versender soll der neue Markt von Vorteil sein. Ihr Anteil am bundesdeutschen Einzelhandelsumsatz ist seit Jahren rückläufig und inzwischen bei mageren 4,2 Prozent angelangt.

Das Szenario ist bedrohlich: Bis zum Jahr 2010 rechne man innerhalb der EG mit einer Zunahme des Lkw-Verkehrs um nahezu achtzig Prozent. Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten lasse im gleichen Zeitraum einen Anstieg des gesamten Ost-West-Verkehrs um das Sechsfache erwarten. Zusammen mit den sozioökonomischen Kosten der Verkehrsunfälle und der Luftverschmutzung verschlinge der Straßenverkehr in der EG derzeit die gigantische Summe von 400 Milliarden Mark oder knapp sieben Prozent der gesamten Wertschöpfung.

Diese Argumente gegen den Straßenverkehr und für die Umwelt wurden nicht im Hauptquartier von notorischen Autofeinden gesammelt, sondern auf der Chefetage eines Industriekonzerns. Seit etlicher Zeit schon plädiert Eberhard von Koerber, Chef der Asea Brown Boveri AG, offensiv für eine Renaissance des Schienenverkehrs. Die Bahn soll als Bypass gegen den Verkehrsinfarkt gelegt werden, meint der Vorstandsvorsitzende. Engagiert in Sachen Umwelt ist von Koerber allerdings erst so richtig, seit er das Geschäft mit Eisenbahnen betreibt. Asea zählt zu den Großen dieser Branche. Als er noch im Vorstand von BMW den Verkauf der Nobelkarossen lenkte, war seine Liebe zur Natur weniger stürmisch.

Noch im Mai hatte sich Alfons Doblinger öffentlich festgelegt: „Ich will in Bayern keine Wohnungen verkaufen.“ Doch jetzt erwägt der Unternehmer, der zum 1. Juni dieses Jahres die gewerkschaftseigene Neue Heimat Bayern für 960 Millionen Mark übernommen hatte, offenbar doch, 1700 Wohnungen zu versilbern. Die Mieter sind daher in Aufregung, und Münchens Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD) haut mächtig auf die Pauke, um gegen Doblinger Stimmung zu machen: „Mit einem solchen Mann rede ich nicht einmal.“

Doblinger aber, der offenbar kein Interesse hat, in der Presse als eiskalter Geschäftemacher abgehandelt zu werden, gibt sich kulant. Bis zum 16. Juli will er den Mietern der 1700 zum Verkauf stehenden Wohnungen zusichern, daß die Vermieter auf die Möglichkeit der Eigenbedarfskündigung verzichten. So ganz genau weiß der Unternehmer aber auch jetzt noch nicht, was er vorhat: „Die Entscheidung über die weitere Geschäftspolitik befindet sich noch im Prüfungsstadium.“