Von Hans-Ulrich Stoldt

Hamburg

Auf dem Platz vor der Baubehörde in der Innenstadt wird – wie sich das gehört – gebaut. Hier entstehen „Büros und Ladenflächen für die Ansprüche von morgen“. Hinter Bauwagen, Geräteschuppen und WC-Häuschen blinken Helme und Schutzschilde von Bereitschaftspolizisten. Sie beobachten aufmerksam mehrere tausend Menschen, die vorbeiziehen und dabei vor allem an ihre Ansprüche von heute denken: „Wohnungen für alle“ verlangen sie, „her mit billigem Wohnraum, zack, zack“.

Andere wollen „Miethaie zu Fischstäbchen“ verarbeitet sehen oder skandieren lautstark: „Miete verweigern, Kündigung ins Klo, Häuser besetzen sowieso“. Kinder haben Plakate umgehängt: „Kim und Marco sind ganz traurig, denn sie haben kein zu Hause mehr.“

Etwa achtzig Gruppen und Verbände hatten am vergangenen Sonnabend zu einer Mieterdemonstration aufgerufen, und knapp 5000 waren gekommen, um gegen die katastrophale Lage auf Hamburgs Wohnungsmarkt zu protestieren.

Mit Trommeln und Trillerpfeifen schickt sich der Zug durch die Stadt – begleitet von 2000 Bereitschaftspolizisten und Bundesgrenzschutz-Beamten, die zwar weitgehend auf Distanz bleiben, aber hinter jeder Ecke präsent sind. Vorbei geht es am Pik As, einem Obdachlosenasyl für die Ärmsten der Armen. „Alle Notunterkünfte sind brechend voll“, klagt Martin Hornig vom Diakonischen Werk, „auch die Bahnhofsmission weiß nicht mehr, wo sie die Leute hinschicken kann.“ Und dies alles jetzt im Sommer: „Wie soll das erst im Winter werden?“

„Hamburg boomt“, jubelt die Wirtschaft, und die Mieten explodieren. Zwischen dem Frühjahr 1989 und Anfang dieses Jahres stiegen die Mieten bei einem Wechsel der Wohnungsnutzer um durchschnittlich 33 Prozent. Auch Bürgermeister Henning Voscherau ist besorgt: „Die Entwicklung bedroht immer mehr Mieterinnen und Mieter.“