Wir haben keinen Hund. Also könnten wir in die schöne Stadt Balve fahren. Die Veranstalter sind der Meinung, „daß ein Musikvortrag nicht durch Gejaule oder Gebell gestört werden sollte“, und wollen keine Hunde auf dem Festivalgelände sehen. Richtig! In Moers könnten wir dafür kostenlos campen, und „geduscht wird traditionell zum Nulltarif“. Auch das klingt verlockend, aber wir haben kein Zelt, und duschen können wir auch vorher. Vielleicht doch nach Wiesen, wo, laut Prospekt, ein neues Zelt aufgebaut wird. „Durch die vergrößerte Höhe der Seitenwände kann man auch von der Liegewiese besser auf die Bühne einsehen.“ Wer einmal mehrere Tage bei einem Jazzfestival durchstand, wird das zu schätzen wissen – im Liegen zuhören.

Jahr um Jahr fällt die Entscheidung schwerer. Sommerzeit und die Jazzfestivals blühen von Vilshofen bis Hofheim, von Idstein bis Kopenhagen, in Mainz, Moers, Münster und Montreux. Schön wär’s schon, vor allem in Montreux – und der Musikredakteur fragt: „Lohnt sich das denn – musikalisch?“ Na ja, unter anderem Herbie Hancock, George Benson, B.B. King, Miles Davis, Dizzy Gillespie. Aber die waren schon letztes Jahr da und spielen auch beim „North Sea Jazz Festival“ in Holland, und dort treten noch viel mehr Gruppen auf, und außerdem würden sich dabei die Kosten der vierzehn Übernachtungen in Montreux auf vier reduzieren. Schade ist es trotzdem, wegen des wunderschönen Sees, der hübschen Altstadt, der „Bars, wo sie ihren Drink nehmen können“, und der „Weekend-Überraschung, bei der es um Wasser und Segeln geht“.

Dafür lockt Holland mit „1000 Künstlern auf 14 verschiedenen Bühnen – alle unter einem Dach“. Und das in vier Tagen 1 Ein wirklicher Rekord, vergleicht man damit das „8. Zelt-Wunder“ in Freiburg, wo sich „über 800 Künstler in fünf Zelten“ zeigen und für die entsprechenden Konzerte siebzehn Tage benötigen. Vorausgesetzt, daß die Bühnen jeden Abend voll sind, kann man in Holland 17,8 Künstler pro Abend und Bühne hören, in Freiburg dagegen aber nur 9,4 Künstler.

Schwierig wird die Zeit-Kosten-Nutzen-Rechnung erst, wenn andere Festivals wie „Hessenjazz in Idstein“ nicht in Künstlern, sondern in Gruppen zählen. Sechzig Bands spielen dort auf zehn Bühnen in drei Tagen und am Wochenende „je drei Musikthemen, die jeweils von zehn Bands interpretiert werden“. Mit-Sponsor Opel nennt es das „größte deutsche Jazzfestival“, während die offizielle Ankündigung vom „größten Fest traditioneller Jazzmusik in Hessen“ spricht. Ob „von“ Hessen oder „in“ Hessen – das „Größte“ wird es wohl irgendwie schon sein.

Frankfurt, das mit dem Slogan „Das älteste Jazzfestival“ wirbt, und Münster, das eine „möglichst große Bandbreite des zeitgenössischen Jazz“ verspricht, wirken dagegen schon etwas harmlos. Kopenhagen läßt sich da mehr einfallen und kündigt „300 Konzerte mit Musikern im Alter von acht bis fünfundsiebzig Jahren“ an, während Moers dem Generationenbonus das Nationenargument entgegensetzt: „Rund 400 Musiker aus 14 Nationen“. Vollends verwirrt werden wir, als wir lesen, daß in Moers der Westdeutsche Rundfunk „mit 130 Technikern anrückt, um die Übertragung von mehr als 100 Stunden Musik zu sichern“. Ob diese 130 in den 20 000 prognostizierten Zuschauern enthalten sind? Wie viele Nationen werden pro Stunde zu hören sein? Und da ohnehin alles übertragen wird, warum bleiben wir nicht einfach zu Hause?

Freuen sollte man sich, daß der Jazz zum sponsorenwürdigen Kulturgut aufgeblüht ist, daß dabei die Musik endlich in ihrer traurigen Alibifunktion entlarvt wurde und sich die Festivalankündigungen konsequenterweise wie Reiseprospekte lesen. Also auf in den herrlichen Moerser Schloßpark, in die kleinen Cafés Kopenhagens, nach Ulrichsberg, „einem wunderschönen Markt am Fuße des Böhmerwaldes“, in die Balver Hohle, die „größte Kulturhöhle Deutschlands“ ... oder doch nach Lugano!? Ja, wie war’s mit Lugano? „Außergewöhnlich und einzigartig ist dieses Musikfest von höchstem Niveau, mit einer Anzahl Künstler der absoluten Spitze“. Der Redakteur bleibt skeptisch.

Aber dann wenigstens Hamburg, mit seinem neuen Festival „Jazz-Port“! Herbie Hancock kommt und George Benson und Miles Davis... Und wir könnten auch unseren Hund mitnehmen – wenn wir einen hätten. Konrad Heidkamp