Von Armin Guhl

An die Decke springen könnte er vor Freude – nicht wegen der Rehabilitierung, die sei eine Selbstverständlichkeit. Nein, wirkliche Genugtuung bereite ihm die späte Anerkennung seiner Arbeit. Heute weiß er, daß er damals recht hatte.

Schwer atmend sitzt Joachim Schulz wie festgewachsen im Schaukelstuhl. Plötzliche Gefühlsausbrüche sind ihm eigentlich fremd. Als Wissenschaftler vertraut er auf die nüchterne Analyse, die Kraft der reinen Vernunft. Vor knapp zwanzig Jahren, als er noch Professor für Völkerrecht an der Potsdamer Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften war, wurde ihm seine wissenschaftliche Ehrlichkeit zum Verhängnis. Er wollte nicht auf „politische Erfordernisse“ Rücksicht nehmen und die Ergebnisse seiner Arbeit schönfärben. „Es gibt Normen, die sind unverrückbar“, sagt Schulz. „Wie kann die Regierung etwas verlangen, das im Widerspruch zur Realität steht?“

Aus einem Bündel lose gestapelter Blätter zieht er eine engbeschriebene Seite – Auszüge aus einer Rede von Alexander Jakowlew, dem außenpolitischen Berater Gorbatschows, vor dem Volksdeputiertenkongreß der UdSSR Ende Dezember des vergangenen Jahres. Satz für Satz hat der Völkerrechtler aus der Parteizeitung Prawda abgeschrieben und ins Deutsche übersetzt. Jedes Wort eine Abrechnung mit dem Stalinismus. Jeder Buchstabe ein stiller Triumph für den Juristen Joachim Schulz.

Er hatte sich nicht geirrt, als er vor zwanzig Jahren den Hitler-Stalin-Pakt völkerrechtswidrig nannte. Zu demselben Schluß kam nun die parlamentarische Untersuchungskommission unter Vorsitz Jakowlews. Eine „Stunde der Wahrheit“ nannte ein lettischer Abgeordneter das Plädoyer des Gorbatschow-Vertrauten, und so empfand es auch Joachim Schulz. Weil er von dieser Wahrheit nicht abrücken wollte, wurde dem Gelehrten 1971 die Lehrbefugnis entzogen.

Zuvor war er bereits „aufgefallen“, weil er sich weigerte, den Einmarsch in die Tschechoslowakei von 1968 zu rechtfertigen. Zwar hatte er keinen offiziellen Auftrag der Regierung: „Deshalb habe ich meistens den Mund gehalten.“ In Vorlesungen und Diskussionen wurde allerdings deutlich, daß er ein „Leck im System“ sei. Als Panzer des Warschauer Pakts am 21. August 1968 über den Wenzelsplatz in Prag rollten, fühlte Schulz eine ohnmächtige Wut. Empört und enttäuscht begann er, an der moralischen Glaubwürdigkeit des SED-Staates zu zweifeln. Wie viele Intellektuelle flüchtete auch er in die innere Emigration. „Mir blieb nur dieser Rahmen“, sagt er leise. Es klingt wie eine Entschuldigung.

Seine Kollegen hätten gewußt, daß bei ihm etwas „tickt“. Deshalb waren sie vorsichtig und vermieden in seiner Gegenwart heikle Themen. Seine Abberufungsurkunde erhielt er im Juli 1972. Die Institutsleitung hatte ihm nahegelegt, selber um seine Relegation zu bitten. Der Grund war ein Gutachten, das er für den damaligen Ministerpräsidenten Stoph verfassen sollte. Es sollte belegen, daß der Alleinvertretungsanspruch der Bundesregierung völkerrechtswidrig und eine Entschädigungsforderung der DDR in Milliardenhöhe berechtigt sei. „Ich habe gesucht und gesucht, aber nichts gefunden. Stoph hat meinen Zwischenbericht wie ein nasses Stück Papier in der Luft zerrissen. Wutschnaubend soll er gesagt haben: Und so einen Scheißdreck bezahlen wir auch noch.“