Von Klaus Pokatzky

Berlin

Am Mittwoch voriger Woche blieb die Küche kalt in der Westberliner taz-Kantine, hundert Meter vorm "Checkpoint Charlie". Das Personal streikte aus Protest gegen die Redaktion. Motto: Stasi-Listen in den Müll. Redakteure und Redakteurinnen, die zuvor Adressenlisten von 9251 ehemaligen Immobilien der Staatssicherheit unters DDR-Volk gebracht hatten, versorgten sich in nahen Obstgeschäften – auch mit Bananen. Sie witzelten: "Die sind für unsere Brüder und Schwestern im Osten."

Die Brüder und Schwestern sitzen 400 Meter hinterm "Checkpoint Charlie" im ehemaligen ZK-Gebäude der SED an der Friedrichsgracht und betreuen die Ostausgabe (45 000 Exemplare) der tageszeitung, die im Westen 65 000 Auflage macht. In den Tagen vor dem Küchenstreik war es bei Vollversammlungen in der taz-Kantine in der Kreuzberger Kochstraße alles andere als witzig zugegangen. Der Streit um die Stasi-Listen entzweite Ost und West, es flogen die verbalen Fetzen – man bewältigte deutsch-deutsche Vergangenheit und taz-Gegenwart. Ost-tazler beklagten hinterher die "schurigelnde Arroganz" ihrer West-Kollegen. Umgekehrt heißt es: "Wir lassen uns von diesen Wendeoppositionellen nicht das taz-Image kaputtmachen."

Begonnen hatte es mit schönen Plänen nach dem Fall der Mauer. Danach konnten auch Leute wie der Kunsthistoriker André Meier, der vorher für den Ostberliner Sonntag diverse "Untergrundblätter" und die DDR-Kulturzeitschrift geschrieben hatte, ohne Stasi-Gefahren für die taz arbeiten. Schneller als andere erkannten die Macher in der Kochstraße ihre Chancen auf einem zukünftigen gesamtdeutschen Zeitungsmarkt.

Im Februar wurde im Osten der Anbau-Verlag gegründet, und Meier, jetzt taz-Kulturredakteur, und der Kunstwissenschaftler Jürgen Kuttner als Ost-Geschäftsführer begannen, heimischen Berufsnachwuchs anzuwerben – weil der noch nicht so belastet sein konnte. Nach dem Start Ende Februar erreichte die Ostausgabe der taz eine Auflagensteigerung wie keine andere seriöse West-Tageszeitung. Zu achtzig Prozent wird das Material der West-taz nachgedruckt, den Rest machen eigene DDR-Seiten aus, die bis Ende April im ehemaligen ZK-Gebäude, seit Mai aber weitgehend im Westdomizil in der Kochstraße zubereitet werden. Im Osten verblieben Vertrieb und Anzeigen, ein Kultur-, ein Lokalredakteur, eine Medienredakteurin.

Bis zur letzten Woche gingen Jüttner und Meier dennoch davon aus, daß ihrem Ostbüro ein Autonomiestatus mit Vetorecht zustehe, und, so Jüttner, "zwei Zeitungen zusammenwachsen – in einer Art Gleichgewicht, wenn auch mit Spannungen". Meier: "Das gegenseitige Hoheitsgebiet wurde respektiert."