Von Richard Tüngel

Daß der sowjetische Angriff in Korea nur erfolgen konnte, weil die Amerikaner geschlafen haben, wird vermutlich nun auch in Washington erkannt worden sein. Bereits am 10. Juni veröffentlichte die Prawda – und vermutlich wird sie auch im State Department gelesen – einen "Aufruf des Zentralkomitees der Demokratischen Vaterländischen Einheitsfront Koreas an das Koreanische Volk". Schon die Tatsache, daß die Prawda für den Abdruck dieses Aufrufs mehrere Spalten zur Verfügung stellte, hätte die amerikanischen Politiker verdächtig stimmen sollen – noch mehr aber der Inhalt! In diesem Aufruf der kommunistischen Regierung Nordkoreas heißt es wörtlich: "Den herannahenden fünften Jahrestag der Befreiung Koreas kann und muß das Volk Südkoreas durch die Wiedervereinigung seines Vaterlandes krönen und gemeinsam innerhalb eines einigen unabhängigen demokratischen Staates feiern." Diese Sprache einer von Moskau beherrschten totalitären Regierung sollte für Politiker, die Hitler erlebt haben, dessen Vorbild der heutige Beherrschet des Kreml war, unmißverständlich sein.

Doch war dies nicht das erstemal, daß die amerikanischen Politiker schliefen. Anstatt die Sowjetunion aus dem Fernostkrieg herauszuhalten, der Anfang 1945 so gut wie gewonnen war, hat Roosevelt den Kreml in Jalta mit allen Mitteln in diese Auseinandersetzung hineingezogen. Dadurch haben die Sowjetarmeen die Herrschaft über die Mandschurei und das koreanische Gebiet nördlich des 38. Breitengrades erhalten.

Immerhin erhielten, vorübergehend wenigstens, die Amerikaner die Herrschaft über Südkorea. Statt für die Sicherheit der freien Koreaner zu sorgen, versuchten die Amerikaner, was gewiß sehr lobenswert ist, ihnen demokratische Ideale beizubringen und ihren Lebensstandard zu heben. Und besonders eifrig diskutierte man die Frage, ob Syngman Rhee, der Präsident von Südkorea, verdiene, aus ein überzeugter Demokrat angesehen zu werden.

Über Nacht jedoch halt sich nun alles gewandelt: Die kommumistische Regierung Nordkoreas ließ ihre Truppen über die Grenze des 38. Breitengrades rücken und begann damit den Bürgerkrieg gegen Südkorea. Wir haben in dieser Zeitung seit zwei Jahren unentwegt erklärt und bewiesen, daß die moderne Form des Krieges, die der Kreml bevorzugt, der Bürgerkrieg ist. Erst seit einem Vierteljahr beginnt auch in den USA die Erkenntnis zu dämmern, daß die Methode des Bürgerkrieges zur Zeit viel größere Gefahren birgt als der Massenkrieg, den die Sowjetunion auf längere Zeit zu führen überhaupt nicht imstande ist, weil ihr Industriepotential dazu nicht ausreicht. Wir in Deutschland, die wir den Aufbau der zukünftigen kommunistischen deutschen Bürgerkriegsarmee seit langem beobachten und die wir hinnehmen müssen, daß die Westalliierten uns nicht erlauben, eine entsprechende Polizeitruppe aufzustellen, können die Bitterkeit verstehen, mit der man heute in Seoul von der Politik der USA spricht.

Der südkoreanische Präsident, Syngman Rhee, hat Washington um Militärhilfe gebeten, und General MacArthur hat sofort erst einmal mit Waffen beladene Schiffe von Japan nach Korea gesandt. Ob dies allerdings genügen wird, den koreanischen Bürgerkrieg zu entscheiden, dürfte zweifelhaft sein. Zwar ist der UN-Sicherheitsrat bereits am Sonntag abend zusammengetreten. Er hat, da Sowjetrußland an seinen Sitzungen wegen der Anwesenheit eines nationalchinesischen Delegierten nicht teilnimmt, ohne Widerspruch Nordkorea als Angreifer verurteilen und verlangen können, daß es seine Truppen hinter die Grenze des 38. Breitengrades zurückziehen soll. Die in Korea weilende Uno-Kommission soll die Durchführung dieses Beschlusses überwachen. Mit so sanften Mitteln kommt man den Sowjets gegenüber heute nicht mehr weiter.

Es ist bezeichnend, daß auf der Londoner Börse auf Grund des koreanischen Konflikts in erster Linie deutsche und japanische Werte gefallen sind, denn Deutschland und Japan sind die nächsten Bürgerkriegsziele des Kreml. Gegen diese ständige Aggression Moskaus aber gibt es keine Verteidigung, wenn man nicht entschlossen ist, bis zum letzten zu widerstehen: Die USA müssen den Kampf in Korea gewinnen – und sei es mit Waffengewalt. (gekürzt)