Von Helga Hirsch

Wenn sie die Bühne des Teatr Powszechny in Warschau betritt, klatschen die Zuschauer Beifall. Wenn sie nach der Aufführung die Garderobe verläßt, warten Anhänger am Ausgang, um Blumen gegen ein Autogramm einzutauschen. Wenn sie ungeschminkt, in Baumwollhemd und Strickjacke, einkaufen geht, bleiben Passanten stehen, um ihr zu gratulieren und sich zu bedanken: Krystyna Janda ist im Augenblick zweifellos die beliebteste Schauspielerin in Polen.

Diese Sympathie verdankt sie allerdings nicht in erster Linie ihrem gerade erworbenen internationalen Ruhm, auf den Polen sonst so sensibel reagieren: Ihr wurde die Goldene Palme in Cannes für die beste weibliche Darstellung des Jahres zuerkannt – in Ryszard Bugajs "Das Verhör", einem bereits 1982 abgeschlossenen Film über die stalinistischen fünfziger Jahre, den Cineasten trotz Verbot längst von Videokassetten kennen. Die augenblickliche Sympathie schlägt Krystyna Janda – viel schlichter und viel naheliegender – für ihre Rolle in der Fernsehserie über Helena Modrzejewska entgegen, eine berühmte polnische Schauspielerin Ende des letzten Jahrhunderts, deren Leid, Glück und Erfolg die Polen sieben Wochen am Bildschirm miterleben durften.

Krystyna Janda, man spürt es, genießt den Zuspruch. Ihren großen Durchbruch schaffte sie zwar schon vor vierzehn Jahren, als Andrzej Wajda sie zur Hauptdarstellerin in seinem Film "Mensch aus Marmor" erkor. Doch so fasziniert die einen über ihre aggressive, forsche, abrupte Art zu spielen waren, so dezidiert ablehnend sind die anderen. Da stakste eine junge Frau von knabenhafter Gestalt in den ewig gleichen Jeans über die Leinwand, schritt aus wie ein Mann, rauchte wie ein Mann, gebärdete sich auf eine affektiert-manierierte Weise pubertär, daß ihr schon bei den Dreharbeiten massiver Unwillen von den Kollegen entgegenschlug. Wajda hingegen bestätigte sie in ihrer geradezu penetranten Eigenwilligkeit – sie verstünde sie nur noch nicht richtig zu fühlen, soll er gesagt haben, aber Mut sei in der Kunst unerläßlich –, und so hielt sie nicht nur einmal durch, sondern vervollkommnete fortan ihren Stil: Diesen Stil der großen Emotionen und spontanen Reaktionen, bei dem die Bewegungen immer etwas zu ruckartig erscheinen, das Lachen zu schrill, die Stimme leicht zu laut klingt, der keinen Stillstand und keine Ruhe duldet, sondern die Schauspielerin in ununterbrochener nervlicher Anspannung durch das Spiel treibt. Diese Janda strahlt eine ungebändigte Vitalität aus, die zwischen kindlichem Aufbegehren und kindlichem Einschmeicheln schwankt, die provoziert und gleichzeitig versöhnen möchte – eine Janda, die sich nicht zurückziehen kann, sondern Film und Theater nutzt, um ihr Engagement auszuleben.

Deswegen kamen ihr die politischen Filme so entgegen. "Ich habe mich", sagt sie, "emotional weit über das Berufliche hinaus eingelassen." Auf den "Mensch aus Marmor" folgte "Der Mensch aus Eisen". Danach drehte sie den im Westen nicht bekannten Streifen "Die Liebhaber meiner Mutter". Unter dem Kriegsrecht schloß sie sich dem Boykott des Fernsehens an und trat in einer Kirchenruine – wieder unter Andrzej Wajdas Regie – mit Texten gegen die totalitäre Herrschaft auf. 1982 schließlich beendete sie "Das Verhör", die Geschichte einer zufällig in die Räder der stalinistischen Repression geratenen kleinen Sängerin, die eine ungeahnte, zähe Widerstandskraft gegen Schläge, Torturen und psychischen Terror entwickelt.

Erst jetzt kam der Film nach Cannes, weil die Zensur im kommunistischen Polen seine offizielle Verbreitung verhinderte. Aber jetzt, wo Osteuropa das Joch endlich abgeschüttelt hat, mag die französische Kritik nicht mehr mit der unbequemen Vergangenheit konfrontiert werden. Als "nicht sehenswert" qualifizierte eine französische Filmzeitschrift "Das Verhör" ab, und Krystyna Janda, voll hilfloser Wut, beschimpfte die so zum Vergessen bereite westliche Öffentlichkeit: "Ich bitte um Entschuldigung, wenn wir euch den Geschmack des Champagners verdorben haben." Sprach’s, packte ihren Koffer und kehrte nach Polen zurück, ohne das Urteil der Jury abzuwarten. So mußte sie zur Preisverleihung noch einmal aufbrechen ...

In Krystyna Jandas politischen Filmen blieb keine Distanz zwischen Rolle und Person. Weil sie authentisch sein wollte, war sie auch sofort bereit, im "Verhör" ohne Double zu spielen. Sie ließ sich schlagen, ihren Körper mit Stiefeltritten malträtieren, über den Boden schleifen, bei zwanzig Grad Kälte mit Wasser abspritzen; sie ließ sich in einer Zelle einschließen, die sich langsam mit Wasser füllte, das die Ratten aus den Löchern hervortrieb und so lange die Wände hochkroch, bis ihr noch eine Handbreit Luft zum Atmen blieb. Mit ihrer Wut und Verzweiflung, aber auch mit ihrer unbeirrten Zähigkeit glaubte sie den Landsleuten zu geben, was diese brauchten: Mut zum Durchhalten und die Hoffnung auf einen Wandel.