Aerodynamische Rekorde verspricht die "neue" Wunderdroge cw

Autokritiker von Bild bis Spiegel sind entzückt: In der "Rekordzeit von drei Jahren" sei das strömungsgünstigste aller Serienautos entwickelt worden, das neue Opel-Sportcoupe Calibra. In europäischen und amerikanischen Windkanälen haben Designer die Hülle des neuen Gefährts so lange rund, glatt und platt getrimmt, bis die füllige Flunder mit "einer aerodynamischen Bestmarke" aufwarten konnte. "Der Anzug des Calibra sitzt vorteilhaft", schwärmte etwa das Hamburger Nachrichtenmagazin. Und ehrfürchtig raunen sich Kritiker und Fans den neuen Rekord zu: Der Luftwiderstandsbeiwert cw beträgt 0,26!

Der cw-Wert ist ein Maß für die Windschlüpfigkeit eines Objektes. Er fällt um so kleiner aus, je geringer der Widerstand ist, den ein Gegenstand umströmender Luft bietet. So liegt er bei einem viereckigen Kasten, der viele Luftwirbel verursacht, hoch (cw = 1). Bei einem glatt umströmten Flugzeugflügel, Zeppelin oder Tropfen ist er hingegen niedrig (cw = 0,1 oder darunter). Bereits Anfang der zwanziger Jahre entwarfen Aerodynamiker Autos wie den Rumpler-Tropfenwagen mit cw-Werten, die den heutigen "Rekorden" entsprechen. Seit Jahren gibt es Forschungsautos mit Luftwiderstandsbeiwerten deutlich unter 0,2. Neu am Calibra ist lediglich der Entschluß der Techniker, längst bekannte aerodynamische Prinzipien anderen funktionalen Kriterien überzuordnen.

Doch während Aerodynamiker aus guten Gründen versuchen, jeglichen Wirbel zu meiden, erstreben Werbeabteilungen genau das Gegenteil. Das Fachblatt auto, motor und Sport umschrieb die Wirkung der "Wunderdroge cw" einst so: "Sie macht hartumworbene Autokäufer gefügig, verwandelt Laien in Fachleute und veranlaßt Teile der kritischen Presse zur stehenden Ovation."

Die Wunderdroge cw-Wert trifft den schizophrenen Zeitgeist gleich doppelt ins Hirn. Einerseits sinkt mit dem cw der Benzinverbrauch – ein um zehn Prozent verringerter Luftwiderstand spart etwa drei Prozent Sprit. Das ist erfreulich. Andererseits steigt jedoch mit abnehmendem cw die Spitzengeschwindigkeit. Und vor allem darauf sind die Käufer "dynamischer Sportcoupes scharf, hier liegt die Wirkung der "Wunderdroge".

Noch geht die doppelbödige Rechnung der Automobilindustrie auf, halb entschuldigend und halb augenzwinkernd die stetig steigenden Spitzengeschwindigkeiten ihrer Fahrzeuge als unerwünschten Nebeneffekt bei der Treibstoffersparnis zu deklarieren. Doch ein Ende dieses Spuks ist absehbar. Ein Tempolimit auf den Autobahnen wird künftig unausweichlich sein, nicht nur, weil die Europäische Gemeinschaft auf Harmonisierung drängt und die rasch anschwellenden Verkehrsströme aus dem Osten mit ihren langsameren Gefährten es gebieten. Die Deutschen können nicht auf Dauer eine politische Vorreiterrolle im Kampf gegen den Treibhauseffekt spielen wollen und gleichzeitig ihre Industrie über 220 km/h schnelle Rennfahrzeuge en masse auf den Markt werfen lassen.