Von Maria Huber

Wera Konstantinowna ist Briefträgerin in Moskau. Sie steht gegen fünf Uhr auf, um eine Stunde später die Arbeit zu beginnen: Zeitungen und Briefe en masse. Einmal im Monat die Renten. Leicht war die Arbeit nie. In den letzten zwei Jahren ist sie aber kaum noch zu bewältigen. Glasnost ist für die fünfzigjährige Frau zu einer zusätzlichen Last geworden: Tageszeitungen, Magazine, dicke Zeitschriften wetteifern mit neuen Argumenten um immer mehr Abonnenten.

"Es sind mindestens zwanzig Kilo, die ich bei Beginn der täglichen Tour auf den Schultern schleppe", sagt Wera. Unter dieser Last brach der kleine Wagen, den sie erst vor kurzem von der Post bekam, nach sehr knapper Lebensdauer zusammen. Sie selbst ist fast täglich dem Zusammenbruch nahe, wenn sie gegen Abend todmüde in ihre Wohnung kommt. Und dort wartet die Hausarbeit auf sie.

Briefträger ist ein weiblicher Beruf. Überall, wo der sowjetische Staat Kraftaufwand oder Kompetenz unterdurchschnittlich entlohnt, überlassen die Männer den Frauen das Feld. Sie meiden auch die seit Stalins Industrialisierungspolitik diskriminierten "nichtproduktiven" und deshalb schlecht bezahlten medizinischen und pädagogischen Berufe. Und das gelingt ihnen recht gut, denn die Kommando- und Kontrollposten, auf die sich der Sowjetstaat nach wie vor stützt und um die sich das System der Partei- und Plandiktatur immer noch weiter dreht, brauchen viele "starke Männer".

Mannhaft führen sie den gesellschaftlichen Kampf vom Politbüro und vom Zentralkomitee abwärts. Noch die Treppen und Türen, Ein- und Ausgänge in zivilen Behörden und kulturellen Institutionen bewachen zuverlässige Hüter in überzähligen, herumlungernden Trupps. Gibt es keine produktive Arbeit für sie? Was denken die in Uniform einherstolzierenden Stützen der Macht, die sich mit der Prüfung von Ausweisen beschäftigen, über die Frauen, die im selben Gebäude oder auf dem Hof Schubkarren schieben oder Beton mischen?

Arbeiten müssen schließlich alle, sagen sie. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", lautete die kommunistische Losung gegen die Ausbeutung. Und eine andere: "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit", Frauen ausdrücklich eingeschlossen.

"Die Gleichberechtigung bedeutet für die sowjetische Frau nicht Befreiung, sondern Belastung", kommentiert Olga Trifonow die zweifelhaften Erfolge des Gleichheitsprinzips. "Wir haben uns daran gewöhnt", erwidern Arbeiterinnen in verschmierten Overalls, wenn man sie nach der Belastung fragt.