Genie und Geld: Auch Schriftsteller haben Bedürfnisse – in Ost und (vor allem) West

Geld? Am Ende sei es doch "das Zeichen aller Notwendigkeiten und Bequemlichkeiten des Lebens", schrieb vor 200 Jahren, 1788, in einem Brief Goethe. In Klagenfurt treten in dieser Woche 22 Autoren zum Preislesen an; der erste, der Ingeborg-Bachmann-Preis wird aller Voraussicht nach einem von ihnen rund 22 000 Mark bescheren. In Ost-Berlin trauern Autoren in diesen Tagen jener schönen Zeit nach, da die gute alte SED (so hieß die PDS tatsächlich einmal) sich den DDR-Schriftstellerverband noch mühelos mit zwei Millionen Ost-Mark im Jahr als exklusiven Klub halten konnte.

Alles kleine Fische! Amerika zeigt, wie man es machen muß. Zum Beispiel Philip Roth: ein guter, aber gewiß – bis auf den Hit "Portnoys Beschwerden" – nicht bestsellerverdächtiger Autor. Der ärgerte sich im vergangenen Jahr darüber, daß sein Verlagshaus Farrar, Straus & Giroux so mir nichts, dir nichts bereit war, dem Romancier und Newcomer Tom Wolfe ("Fegefeuer der Eitelkeiten") eine Summe zwischen fünf und sieben Millionen Dollar für den nächsten, noch ungeschriebenen Roman zu garantieren.

Was tun? In solchen Fällen ist gut beraten, wer einen Agenten hat. Der von Roth heißt Andrew Wylie und gilt als einer der frechsten und fähigsten in der Branche. Er bat Roger Straus zum Lunch und offerierte dem verdutzten Verleger die nächsten drei Romane des bisher gemeinsamen Autors Roth zu einem Dumping-Preis von anderthalb Millionen Dollar. Das sei noch wenig, sagte er, denn anderswo würde er lässig zwischen drei und fünf Millionen für dasselbe Paket erzielen. "Lächerlich!" soll Straus ihm geantwortet haben, bisher habe er für die Weltrechte der Roth-Romane jeweils rund 160 000 Dollar gezahlt und sei gerade so hingekommen. Wylie ging zur Konkurrenz, den Verlegern Simon & Schuster, und erzielte 1,2 Millionen Dollar – was hinter seinen Erwartungen zurückblieb.

Ein Millionenspiel: Verluste in dieser Höhe kalkulieren amerikanische Verleger inzwischen ein – entsprechende Gewinne natürlich auch. Daß Bücher, die zu Bestsellern taugen, mit irrsinnigen Vorschüssen bedacht werden, ist nicht neu. Jene Autorin, die von den Mitchell-Erben dazu ausersehen worden ist, eine Fortsetzung des Romans "Vom Winde verweht" zu schreiben, erhielt fünf Millionen Dollar Vorschuß; Stephen King, dem König des epischen Horrors, garantierte man zwanzig Millionen für seine nächsten fünf Romane. Neu ist, daß nun auch seriöse Autoren ihren Anteil am Kuchen suchen.

Ist man in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz bescheidener? Notgedrungen. Doch Verkaufserfolge wie die von Christoph Ransmayr oder Patrick Süskind lassen auch in Europa manchen fleißigen Romancier schlecht schlafen – immerhin beträgt die Weltauflage des "Parfums" mittlerweile zwei Millionen Exemplare.

Jenen, die noch am Anfang stehen und nicht des Geldes, sondern des Ruhmes willen nach Klagenfurt gekommen sind oder die drüben in den letzten Tagen der DDR um vergleichsweise harmlose soziale Privilegien kämpfen, zum Trost: Auch einem wie Philip Roth stehen am Ende die eigenen Bücher näher als die Finanzen. Als sein Agent den deutschen Verleger, Hanser in München, ebenfalls zur Kasse bitten wollte, pfiff Roth ihn zurück. Seine Bücher – mit Ausnahme von "Portnoys Beschwerden" – haben hierzulande nämlich Auflagen, die sich an denen von Oskar Pastior messen lassen können: ein Minoritätenprogramm. Einer der besten Romane von Philip Roth, "Mein Leben als Mann", ist überhaupt jetzt erst auf deutsch erschienen: mit sechzehn Jahren Verspätung in einem kleinen Hamburger Verlag (Kellner). Dem Münchner Stammverlag war das Risiko zu groß. Selbst die für diesen Herbst geplante Autobiographie des Amerikaners hat man vorsichtshalber auf das folgende Frühjahr verschoben – ein Kundera-Roman verspricht mehr fürs Weihnachtsgeschäft. Da hilft auch kein Agent. Amerika ist doch noch weit. Volker Hage