Schewardnadse hatte beim ersten "2 + 4"-Treffen Anfang Mai in Bonn den Eindruck erweckt, als habe Moskau nichts dagegen, wenn die inneren und äußeren Aspekte der deutschen Einheit zeitlich auseinanderfielen. Aber inzwischen werden die Signale aus Moskau vieldeutiger. Der neue sowjetische Botschafter in der DDR warnte zwei Tage vor der Berliner Begegnung, der innere Einigungsprozeß dürfe nicht von der Lösung äußerer Fragen abgekoppelt werden, sonst werde Konfliktstoff für die Zukunft geschaffen. Und Schewardnadse selbst sagte in Ost-Berlin: Je früher eine Einigung erreicht werde, desto eher "werde das Fehlen einer Regelung der internationalen Fragen aufhören, den Prozeß der deutschen Vereinigung zu behindern oder die angemessenen staatlichen und juristischen Schritte in bezug auf ganz Deutschland zu vereiteln".

Vielleicht wollen die Sowjets damit nur bessere Bedingungen herausholen. Aber ganz auszuschließen ist nicht, daß Moskau sich raschen gesamtdeutschen Wahlen widersetzen könnte, wenn die internationalen Abmachungen bis dahin nicht unter Dach und Fach sind.

Die Sowjetunion könnte damit die Vereinigung nicht blockieren. Sie fände dann in einem völkerrechtlichen Niemandsland statt, ein ungewisser, prekärer Zustand für die Deutschen, für Europa und für die Sowjetunion selbst. Aber auch der ehrgeizigste Zeitplan wird die Politiker im Kreml nicht dazu zwingen, durch eine Deutschlandregelung, die von ihren Kritikern im eigenen Land als verantwortungsloses Zugeständnis gebrandmarkt werden könnte, ihre politische Autorität aufs Spiel zu setzen.

Die Ungeduldigen sollten sich deshalb an Bismarcks weise Mahnung halten: "Wir können die Uhren vorstellen, die Zeit geht aber deshalb nicht rascher, und die Fähigkeit zu warten, während die Verhältnisse sich entwickeln, ist eine Vorbedingung praktischer Politik."