Über ein Jahr lang parkten die schwarzen Mercedes-Limousinen der Staatssicherheit vor dem zweistöckigen Haus in Pekings Guanghua-Straße. Das Interesse der Insassen galt allerdings nicht dem amerikanischen Botschafter James Lilley, der hier residiert. Ihr Auftrag lautete vielmehr, den Haftbefehl gegen den Astrophysiker Fang Lizhi und seine Frau Li Shuxian zu vollstrecken, die am 5. Juni 1989, einen Tag nach dem Blutbad am Tiananmen-Platz, in der US-Mission Zuflucht gefunden hatten. Am Montag dieser Woche wurden die Beobachter vor der Residenz abgezogen: Chinas bekanntester Dissident hatte das Land verlassen. Eine Maschine der US Air Force brachte ihn und seine Frau nach London.

Mit der Ausreise Fangs ist ein zähes diplomatisches Ringen zwischen Peking und Washington zu Ende gegangen. Noch vor wenigen Wochen hatte KP-Chef Jiang Zemin in einem Interview auf zwei Vorbedingungen für eine Freilassung des 54 Jahre alten Wissenschaftlers beharrt: "Erstens muß Fang Lizhi seine Schuld eingestehen, und zweitens müssen die USA sicherstellen, daß er in Zukunft nichts gegen die Volksrepublik China tun wird."

Seine "Schuld" hat Fang nicht eingestanden. Aber in einem Brief an die Regierung bekannte er sich zu seiner Opposition gegen die "Vier Grundprinzipien", das ideologische Dogma der KP Chinas. Dies reichte den Machthabern offensichtlich, um ihn auch künftig als "Konterrevolutionär" und einen der "Drahtzieher" der Studentenrevolte vom vergangenen Jahr brandmarken zu können – und damit ihr Gesicht zu wahren.

Kaum vorstellbar, daß "Chinas Sacharow", der wegen seines mutigen Eintretens für die Demokratie zum Idol der rebellierenden akademischen Jugend wurde, im Ausland zur politischen Unterdrückung in der Heimat schweigen wird. Auch wenn er sich im Exil dem Widerstand nicht anschließen sollte: Fang Lizhis Wort wird kraft seiner moralischen Autorität Gewicht haben.

Die britische Royal Society hat Fang zu einem Forschungsaufenthalt am Institut für Astronomie an der Universität Cambridge eingeladen. Der Gelehrte mit dem ansteckenden Lachen wird sich dort nicht in der Studierstube einschließen; auf seine freundliche Art wird er weiterhin für ein erneuertes China werben. "Wir müssen uns die Demokratie Schritt für Schritt erkämpfen", hat er einst den Studenten zugerufen, "es ist gar nichts Besonderes dabei." M.N.