Von Moritz von Jagow

Verwunderte Blicke treffen den alten Mann an der Theke. Sie mustern seine kräftige, untersetzte Statur, den weißen Vollbart. Wie er seine Sportmütze tief ins Gesicht gezogen trägt und ein Bier nach dem anderen hinunterkippt! Ist Papa Hemingway zu neuem Leben erwacht? Wenn nicht hier, wo sonst, aber wenn ja, dann nicht unbedingt zu seinem Vorteil. Kaum jemand kann sich das Lachen darüber verkneifen, auf dem T-Shirt des Amerikaners das Kinoplakat des Kassenschlagers "Ghostbusters" zu einem protzigen "Bullbuster – watch out Pamplona" umfunktioniert wiederzufinden.

"Hey", meint ein zweiter bulliger Typ neben ihm, "dieser Platz ist überfüllt mit Amerikanern, scheint als wär’n wir gar nicht in Spanien!" Er übertreibt, doch ganz im Unrecht ist er nicht. Pamplona wird in den Tagen der Fiesta zu Ehren des Stadtheiligen San Fermín von einer wahren Flut Amerikaner heimgesucht. Angelockt von den encierros, den traditionellen Stiertreiben, kommen aber auch Besucher aus allen Ecken Europas, besonders aus Frankreich und England, am Vormittag des 6. Juli zu Tausenden in die nordspanische Stadt.

Über 40 000 der knapp 200 000 Einwohner Pamplonas kehren alljährlich in diesen Tagen ihrer Vaterstadt den Rücken und überlassen die Straßen und Plätze den Fremden. Doch für die verweilende Bevölkerung gilt: Wer bleibt, bleibt ganz gewiß nicht nur unter sich und seinesgleichen. Gastfreundschaft wird in diesen Tagen großgeschrieben in Pamplona – der guten Geschäfte als auch einer historischen Tatsache wegen. Die Ursprünge der Fiestas reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Damals beschränkten sie sich auf eine Prozession, im Laufe der Jahrhunderte aber wurden Stierkämpfe zum festen Bestandteil der Feierlichkeiten. Es galt als üblich, den Stieren, die in die Arena getrieben wurden, zu Pferae voranzureiten. Wegen der damit verbundenen Gefahren verbot dies der Stadtrat im Jahre 1686 bei Strafe von 500 Dukaten – mit dem Erfolg, daß die Bürger Pamplonas vom Schimmel auf Schusters Rappen umsattelten. Fortan lief man.

Ihren weltweiten Ruhm verdanken die Festtage Pamplonas dem Werk eines Ausländers: "Fiesta" – dem ersten Roman Ernest Hemingways. Das erste Mal nahm er 1924 an den Stiertreiben teil, und bis zu seinem Tod im Jahre 1960 kehrte er immer wieder nach Pamplona zurück. Die Stadt und die Stiere wurden zum Bestandteil seiner Legende. Hier traf er sich mit Matadoren, zechte mit befreundeten Berühmtheiten und sorgte stets für Aufsehen um seine Person. Zuletzt empfand er sich selbst beinahe als Sehenswürdigkeit Pamplonas. Noch heute scheint der Amerikaner ständig präsent zu sein. Während der Fiesta zählt man ein gutes Dutzend Gestalten, die ihn in Aussehen und Auftreten nachzuahmen versuchen. Jede Zeitung zitiert am Vortag der Feierlichkeiten den schon sprichwörtlichen Satz seines Romans: "Sonntag, den 6. Juli, brach die Fiesta aus. Es gibt keinen anderen Ausdruck dafür."

In der Tat: Schlichter läßt sich das Spektakel kaum beschreiben, dessen Beginn Feuerwerkskrachen, Glockenläuten und Champagnerfontänen ankündigen. Trommler und Bläser ziehen zum Auftakt mit ohrenbetäubendem Lärm durch die Gassen. Vor ihnen drehen sich meterhohe Prinzessinnen- und Mohrenköpfe aus Pappmaché im Takt der dröhnenden Pauken. Um das Stadtinnere haben sich Buden und Basare wie ein Gürtel gelegt, die Marktschreier nehmen ihre Arbeit auf. Schon am frühen Nachmittag fließen Bier- und Weinreste zwischen Scherben und Bechern hindurch den Rinnstein entlang. Bei Einbruch der Dämmerung hat sich in den Straßen eine so dichte Menschenmenge angesammelt, daß sich ein Weg nur mit Schubsen und Rippenstößen bahnen läßt.

Im Dreieck zwischen Rathaus, Hauptplatz und Arena wogt die Masse in taumelndem Trubel, tanzt mit schrillem Gejubel und feiert ihrem Übermut ein rauschendes Fest. Die Calle Estafeta, Schauplatz des wichtigsten Geschehens während der Fiesta, verbindet Rathaus und Arena miteinander. An die Calle Estafeta schließt sich die Calle Santo Domingo, dort liegen die Stallungen, aus denen die Stiere hervorbrechen. Hierher werden jede Nacht gegen halb elf die Tiere getrieben, die für das morgendliche Rennen und die nachmittägliche corrida, den Stierkampf, bestimmt sind. Von der Stadtmauer aus sieht man sie in zügigem Trab den Weg zum Gatter ihrer letzten Behausung zurücklegen.