Ihre Hufe schlagen hart aufs Pflaster, weithin hört man ihren keuchenden Atem, und Minuten später noch weht ihr Stallgeruch durch die Nachtluft. Über der Stadt zerbersten mittlerweile Feuerwerks- und Leuchtkörper, erstrahlt der Himmel im Widerschein des schillernden Sprühregens. Auf den menschenüberfluteten Plätzen wandern mit Wein gefüllte lederne Beutel über die Köpfe hinweg. Kapellen überspielen mit strammen, hölzernen Rhythmen den ohrenbetäubenden Lärm. "Die Fiesta", schreibt Hemingway, "hatte wirklich begonnen. Sie dauerte Tag und Nacht, sieben Tage lang. Das, was so passierte, konnte nur während einer Fiesta passieren. Es schien gänzlich unangebracht, während der Fiesta an Folgen zu denken."

An die Folgen des Stiertreibens denkt zumindest der Arzt Luis del Campo, Autor mehrerer Bücher über die encierros: "Die Tragödie ist geradezu programmiert. Wie soll man auch einem Rudel Stiere ausweichen, wenn man die ganze Nacht das Blaue vom Himmel gesoffen hat! Sicher, als junger Mann glaubt man den anderen seinen Mut beweisen zu müssen. Aber die Toten und Verwundeten der letzten Jahre sollten für sich sprechen. Der beste Rat, den ich den Läufern geben kann, ist, nicht zu laufen."

Freilich weiß auch Luis del Campo, daß der Hinweis auf die Toten und Verwundeten eher sinnverkehrten Anklang findet. Denn erst ihre Zahl liefert dem Erlebnis der Läufer den Rahmen, die heroische Kulisse. So erst wird die Faszination des Risikos gegenwärtig. Jeder weitere Verletzte verstärkt die rauschartige Empfindung vom gefährdeten und wiedergewonnenen Leben. Und das nicht erst nach dem Treiben. Schon morgens um sechs, wenn die Oboen-Terzette die Stadt zum Rennen wecken, in ihren Melodien das Mittelalter Wiederaufleben lassen, beschleicht einen albernerweise das Gefühl, hier nehme das Zeremoniell einer unausweichlichen Prüfung seinen Anfang.

Wer noch gestern in der gewohnten Jeans herumlief, hat spätestens jetzt die Tracht der Läufer angelegt: weißes Hemd und weiße Hose, um die Hüfte eine ochsenblutrote Schärpe, im Hemdausschnitt das rote Halstuch, in der Hand eine zusammengerollte Zeitung. Inzwischen hat ein Arbeitertrupp aus der Barrikaden eine gut 800 Meter lange Rennbahn durchs Zentrum gebaut. Sie führt von den Boxen in der Calle Santo Domingo, um zwei scharfe Kurven herum, die enge Calle Estafeta entlang bis hinein in die Arena. Gegen halb sieben finden sich die Läufer ein und postieren sich auf der Strecke. Hinter den Barrikaden drückt die wachsende Menge Schaulustiger den vorderen die Luft ab; Menschenleiber ragen wie Zweige über die Planken, an einen rettenden Sprung über die Absperrung ist während des Rennens nicht zu denken.

Polizisten patrouillieren die Reihen der Läufer und verscheuchen Betrunkene und übermütige Knaben. Früher war Frauen die Teilnahme verboten, dieses Verbot aber wurde schon vor einigen Jahren aufgegeben. Es hielt sich ohnehin niemand daran. Frauen gehören mit zum tollkühnen Läuferstamm und lassen sich, einmal auf der Rennbahn, auch von den Pöbeleien männlicher Teilnehmer nicht vertreiben.

Kurz vor sieben verstummt das Murmeln und weicht einer gespannten Stille. Alles wartet auf den Knall der ersten Rakete, der den Start des Rennens ankündigt. Mit der zweiten Explosion beginnt dann das Treiben. Punkt sieben explodieren beide kurz hintereinander. Sechs Bullen und sechs gewaltige Ochsen rasen mit donnernden Hufen durch die Bahn, vor ihnen stieben die Läufer, gleichsam als flögen sie, durch die Gassen davon. In Sekundenschnelle haben die Bullen, die viel schneller sind, die Läufer eingeholt, rennen immer mal wieder einen um oder hetzen ihn so, daß er über seinen Vordermann stolpert. Oft reißt einer eine ganze Kette mit sich zu Boden, und so fallen die Läufer wie weiße Dominosteine kreuz und quer über die Straße. Glimpflich übersteht den Sturz, wem es gelingt, sich rechtzeitig in den Rinnstein zu wälzen.

Der erste gefährliche Punkt auf der Strecke ist die scharfe Kurve an der Calle Estafeta. Gelegentlich gleitet einer der Stiere hier aus und erdrückt jeden zwischen sich und der Häuserfront.