Nun geraten auch die in Hetze, die sich im letzten Drittel der Strecke aufgestellt haben. Die Menge der Läufer ist zu dicht, um die Stiere erkennen zu können. Aber jeder hört sie herantraben, spürt ihr Schnaufen im Rücken, jeder weiß: Sie sind dort, wo die Menge plötzlich auseinanderschießt, wo Zurufe und Geschrei sich sammeln und, zu einem Ton verdichtet, mit der Wucht von Pauken aus den Kehlen hervorbrechen. Wirkliche Gefahr droht hier, in der Enge zwischen den Häuserzeilen, wenn ein Bulle von der Herde abgeschnitten wird. Das vereinzelte Tier stößt dann in wilder Panik mit den Hörnern um sich, springt wendig wie eine Katze in alle Richtungen und geht auf alles los, was irgendwie bedrohlich erscheint. Auf den letzten Metern holen die Stiere die Spitze der Läufer ein. Die vordersten stürzen noch im Tor der Arena, der schmälsten Stelle der Rennbahn, umklammern sich gegenseitig und pressen das Gesicht in den Staub. Die Stiere rasen an ihnen vorüber, ihre Hufe stampfen krachend über das Pflaster, und schon sind sie in der Arena verschwunden.

Dann, zum Zeichen für das Ende des Treibens, wird die dritte Rakete abgefeuert. Platzt sie weniger als drei Minuten nach der ersten, so weiß ein jeder, daß das Rennen ohne Zwischenfälle abgelaufen ist. Dauert es hingegen länger, so greift die Befürchtung um sich, ein Bulle könne sich abgesondert haben; dann bleibt jeder gefährdet, gleichgültig an welchem Streckenpunkt er sich befindet.

Ist auch der letzte Stier in den Verschlägen der Arena verschwunden, geht ein anderes Tor auf, und herein schießt eine junge Kuh, die Hornspitzen mit Leder überzogen. Stürmisch geht sie auf die Läufer los, sprengt die Menge auseinander. Staubmassen wirbeln über den Boden, und wenige Augenblicke später knirscht einem der Sand zwischen den Zähnen. Die Läufer jagen um die Kuh herum, lenken mit hektischem Armgefuchtel ihre Aufmerksamkeit auf sich, reizen sie durch Schläge mit einer Zeitungsrolle und lassen sich von dem wütenden Tier kreuz und quer durch das Rund jagen. Jeden Tag werden fünf bis sechs Kühe in die Arena gelassen, zum Schluß zwei zugleich, so daß es nun endgültig manchen zu bunt wird und viele Läufer sich zum Sprung hinter die schützende Absperrung entschließen. Doch manchmal folgen die Kühe ihnen auch hierhin nach und jagen sie im Galopp den Rundgang hinauf. Hinterher sieht man den einen oder anderen hinaushinken, manche tasten mit Schmerzensmiene Gesäß und Rücken ab oder präsentieren grinsend eine frische Zahnlücke. Viele ziehen sich nun zurück, um nach durchzechter Nacht ein paar Stunden zu schlafen. Die anderen schlendern zum Hauptplatz und besprechen bei dampfendem Kaffee und Hörnchen die Ereignisse des Morgens.

Umringt von Autogrammjägern und Läufern mittleren Alters, zwei Hemingway-Attrappen zur Seite, sitzt am Cafetisch ein wettergebräunter Sechzigjähriger, die heute berühmteste Gestalt der Stiertreiben. Der Name Matt Carneys, des gebür-

  • Fortsetzung nächste Seite
  • Fortsetzung von Seite 59

tigen Iren aus Paris, fehlt in keiner Schlagzeile der Presse Pamplonas. Seine Läuferpose, sein Spurt dicht vor den Hörnern der Stiere, der ihn berühmt gemacht hat, dominiert die Titelseiten seit über zwanzig Jahren. Dank der Bücher Hemingways und seinem Hang zu Spanien kann San Fermín als die einzige Fiesta Spaniens gelten, in deren Verlauf Ausländer nicht fremd und störend erscheinen oder die Festtage darum Gefahr liefen, zum reinen touristischen Spektakel zu entarten.

Jeder Besucher findet sich im Laufe der Woche unter dem Zwang der allgemeinen Stimmung genötigt, selber an den encierros teilzunehmen. Aber spätestens in der Rennbahn, wenn das Herz panisch im Halse schlägt, empfindet man als Ausländer schlagartig die Fremdheit, die Absonderlichkeit. Da steht man nun: in einem anderen Land, auf staubigem Kopfsteinpflaster, inmitten einer johlenden, weißuniformierten Menge, um freiwillig seine Haut zu Markte zu tragen! "Was zum Teufel mache ich eigentlich hier?" In diesen Momenten wird aus dem touristischen Rummelplatz wieder die ferne Stadt im Norden Spaniens, deren Einwohner ihr unverständliches, irritierendes Baskisch sprechen und ihre Feste mit derben Gebräuchen untermalen. Angesichts der herandonnernden Stiere rückt Pamplona in die Ferne, in die Mitte der unzähligen Dörfer Spaniens, in denen die Stiertreiben zum festen Bestandteil des Jahres gehören.