Die Weltbühne der Revolution mißt 24 mal 36 Zentimeter: ein aufgeklappter Handkoffer auf den Knien von Jörg Baesecke und Hedwig Rost. Die Helden und Opfer, die sogenannten Protagonisten – vom Bauernaufhetzer Hans Böheim (dem Pfeiferhänschen aus dem Taubertal) bis zu den Friedensbetern der Heldenstadt Leipzig – sind Pfannenbürsten und Nagelscheren und Streichhölzer zwischen Teebeuteln, Zuckerwürfeln, Wetzsteinen und dergleichen Bühnenwesen mehr. Zur Aufführung gelangen fünf historische Stunden in fünfzig Minuten: Bauernrevolte und Bostons Tea-Party, Französische und Russische Revolution und zuletzt der große Tag, an dem feierlich geschworen ward, daß von deutschem Boden nie wieder Sozialismus ausgehen darf.

"Revolution!" heißt das neueste Kofferspektakel der Kleinsten Bühne der Welt, welches am letzten Wochenende in der Hamburger Kampnagelfabrik lärmte. Und so Flic-Flac-rasch vorübersprang, daß man sich hinterher, im brausenden Applaus der 100 zugelassenen Besucher, verblüfft fragte, was man da eigentlich gesehen hatte. Barrikaden in der Sesamstraße, Revolte aus der Rappelkiste? Aus dem Experimentierschaukasten des Kleinen Historikers? Einerseits. Ande-erseits: ein seltener Spaß, frivol, rettungslos undeutsch. Vor allem aber: von Minute zu Minute frappierend. Wie Baesecke und Rost mit nichts mehr als sechs oder sieben strohblonden Pfannenbürsten und einer Geige, die verträumt die Pastorale zitiert, einen süddeutschen Landsommertag des Jahres 1476 inszenieren, als sei’s ein Bild aus einem Stundenbuch; oder wie sie mit Nagelscheren, roten und blauen Socken und einer Handvoll Mühlesteinen den Quatorze Juillet nachstellen, und zwar nach Georg Heyms dräuendem "Bastille"-Sonett – das ist fast noch Grotowski und beinahe schon Hollywood.

An die fünfundzwanzig Minuten-Stücke haben die Hamburger Jörg Baesecke und Hedwig Rost seit 1983 erfunden – sie: Musikerin, Absolventin der Lola-Rogge-Schule, er: ein studierter und ausgebildeter Jurist. Inzwischen reisen sie kreuz und quer durch Europa, "erzählen mit Gegenständen", mit Knöpfen, Schnürsenkeln und Kaffeebohnen auf ihrer Kleinsten Bühne der Welt Märchen und Hochklassisches, zum Beispiel den "Fliegenden Holländer" in acht Minuten oder Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde" in zwanzig Sekunden. "Revolution!" ist ihre erste historische Revue, inspiriert natürlich vom großen Revolutionsjahr 89.

"Objekttheater" heißt diese Fortsetzung des Figurentheaters mit geringsten Mitteln. Alles stellt alles dar. Die Bürstchen, die eben noch als goldene Garben auf den Feldern standen, treiben im nächsten Moment schon als Schafherde vorüber, verwandeln sich schließlich in die Schar der Revolutionspilger selbst, die gekommen sind, um den ekstatischen Predigten der träumenden Bürste Böheim zu lauschen. Rotköpfige und weißköpfige Streichhölzer im russischen Bürgerkrieg – Oberzündholz Lenin peitscht zum Sieg. Und der klitzekleine Bühnenvorhang, gerade noch Thronbaldachin des Zaren, bläht sich pompös zur roten Fahne. Das Teeglas, 1773 Bostons Hafenbecken, wird in der Kurzfassung des "Wilhelm Tell" (als Zugabe gereicht) zum sturmbewegten Vierwaldstätter See ... "ringsum schränken ihn die Felsen ein": toller Teil, wie er sich vom turbierten Teebeutel herab aus Geßlers Klauen rettet! Und nach der großen Novemberrevolution des Jahres 1989 wird dann der Eisenvorhang hochgerollt: Eine Flut von Milch- und Honigdöschen, Plastikportionen fürs Hotelfrühstück, erbricht sich übers Brüder- & Schwesternland ...

Es schläft ein Lied in allen Dingen: in jeder Streichholzschachtel und in jedem Mantelknopf. Mal ist es die Marseillaise und mal die Internationale und am Ende auch das Deutschlandlied. Baesecke und Rost zeigen Geschichte als Taschenspiel, als Fingerballett und Knobelei. Der große historische Augenblick, das Rendezvous mit der Geschichte: nur ein Trick, eine optische Täuschung – Le Petit Magic Circus.

Die Kleinste Bühne der Welt schreibt All-das-Vergangene nicht um, nicht neu; sie hält sich an die alte blut’ge Moritat, an die patinierte Legende. Doch der groteske Minimalismus läßt die Ironie der Geschichte bodenlos werden, und beelzebübisch feixt der pädagogische Geschichtskasperl über die Sinngebung des Sinnlosen. Am Ende klappt der Koffer zu – als sei’s die Büchse der Pandora.

Ja, dürfen die das denn? mag sich da mancher in dieser unserer historischen Stunde fragen: Kann man da so einfach zusehen?