I.

In einem weitverbreiteten amerikanischen Nachschlagewerk, dem "Random House Dictionary of the English Language", Erscheinungsjahr 1987, steht auf Seite 80! unter dem Stichwort "Germany" die Eintragung: "a former country in central Europe, having Berlin as US capital ... now divided into East Germany and West Germany" – früher ein Land in Mitteleuropa, mit Berlin als Hauptstadt, jetzt in Ostdeutschland und Westdeutschland geteilt. Fast die gleiche Definition findet sich in der "Großen Sowjetenzyklopädie", Band VI, Seite 340. Dort heißt es unter "Deutschland": "ein Staat in Europa (Hauptstadt Berlin), der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestand".

Noch vor einem Jahr hat so gut wie niemand sich vorstellen können, daß diese Lexikon-Daistellungen schon bald der Revision bedürfen. Die deutsche Einheit war eine Zukunftsoption, gewiß, aber nicht die einzige und schon gar nicht die wahrscheinlichste gewesen. Der Begriff "Deutschland als Ganzes", der bei den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges im Schwange war, beschrieb eher einen Einmischungsvorbehalt der Alliierten als etwa deren Verpflichtung, Deutschland wieder zu seiner Ganzheit zu verhelfen. Die Karlsruher These vom Fortbestand des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 aber war ein juristisches Konstrukt ohne jeden Bezug zur Realität, überdies auch ohne völkerrechtliche Verbindlichkeit.

Wohl wünschten sich viele Deutsche die Wiedervereinigung – über die Jahre und Jahrzehnte hinweg ziemlich beständig zwischen zwei Drittel und drei Viertel von ihnen. Doch ebenso viele glaubten nicht daran, sie noch selber zu erleben. Die deutsche Einheit – in der Welt der harten Tatsachen, in der Machtstandpunkte stärker sind als Rechsstandpunkte, wurde sie mehr und mehr zu einem ungeträumten Traum. Jetzt erfüllt er sich mit einem Mal.

Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, die am 1. Juli in Kraft tritt, ist der erste Schritt zur staatlichen Vereinigung. Sie wird sich unaufhaltsam vollziehen, so scheint es, und womöglich noch vor Jahresende: ein unverhofftes Geschenk der Geschichte. Unverhofft auch darin, daß den Deutschen die bittere Wahl zwischen der Zusammenführung ihrer Nation und der Zusammenführung Europas erspart bleibt – jener Alb, der auf vielen lastete. Jetzt wird beides zur gleichen Zeit Ereignis.

II.