Die "Wunderkind"-Karrieren sind alle nach ähnlichem Muster gebaut

Von Uwe Prieser

Verletzungen bewahrt werden soll. Ernährungspläne und Diäten gelten heute sowieso für fast alle Tennisstars, und ein Ermüdungsbruch, wie ihn Tracy Austin hatte, weil dieErnährungs- und Stoffwechsellage des Knochens unzureichend war, kommt nicht mehr häufig vor. Zur Gymnastik freilich hat die junge Jennifer Capriati gar keine Lust, und es fällt ihr auch schwer einzusehen, warum sie nicht jeden Tag bei Burger King essen soll.

Alle, die sie etwas besser kennen, halten sie für ein happy-go-lucky-kid, die ganze Capriati-Familie sei happy-go-lucky, völlig unbekümmert. Alle Tenniswunderkind-Familien geben sich so, die Grafs, die Sabatinis, die Seles’, die Capriatis, die Sanchez’. In diesem Lebensmuster herrschen Recht und Ordnung und feste Wertvorstellungen. Der Vater plant, steuert, überwacht die Karriere, die Mutter sorgt als Kraft im Hintergrund für eine saubere, von Konflikten gereinigte Atmosphäre. In der Aufgabenverteilung des "Familienunternehmens Tennistochter" verewigen sich die alten Rollen: Der Vater als permanent Zeugender, die Mutter als beständig Austragende.

Dann gibt es noch den Bruder – sie haben tatsächlich fast alle Brüder der zum Wunderkind das Gegengewicht der Normalität abgibt. Wo kein Bruder ist, ist wenigstens ein Hund. Meistens beides. Jennifers Hund ist ein Yorkshire und heißt Bianca, der von Monica Seles heißt Astro, einer der beiden Hunde von Steffi Graf heißt Max und der von Martina Navratilova Killer oder so ähnlich.

Als ihr Vater ihr den ersten Tennisschläger schenkte, war sie noch ein Kind. Sie war begabt. Wenn er ihr einen Rat gab, gehorchte sie und setzte ihn umgehend in die Tat um. Ihr Vater begann, sich mehr und mehr mit den Bedingungen des Tennisspiels und seiner Vervollkommnung auseinanderzusetzen. Bald ließ er sie Bälle gegen eine Mauer schlagen. Gelang es ihr, eine bestimmte Anzahl von Bällen zurückzuschlagen, schenkte er ihr ein Geldstück. Sie schickte sich an, ihren Vater auszuplündern. Als sie fünfzehn Jahre alt war, hatte sie ihr erstes Grand-Slam-Turnier gewonnen und in Wimbledon das Halbfinale erreicht. Das war 1914. Ihr Name war Suzanne Lenglen. Die Eltern von Steffi Graf, Monica Seles oder Jennifer Capriati waren noch nicht geboren.

Der erste Ball, den Jennifer Capriati auf dem Rasen von Wimbledon schlug, landete weit im Aus. Dann verlor sie gleich ihr Aufschlagspiel. Schließlich gewann sie 6 : 1, 6 : 1 und wurde, umringt von Erwachsenen, die niemanden an sie heranließen, von der Anlage geleitet. Das war vor einem Jahr, sie war gerade dreizehn geworden und spielte bei den Juniorinnen.