Manche kritisierten den rüden Ton, andere das flache politische Niveau, als am vergangenen Wochenende die Mitglieder des Bürgerkomitees der Solidarnosc bei Lech Walesa sechs Stunden lang über dessen Zukunft stritten. Das Gremium war anderthalb Jahre die Schaltzentrale des politischen Flügels der Solidarnosc-Bewegung. Als es diesmal auseinanderging, kam es zu persönlichen Anfeindungen; eine Spaltung war unvermeidlich.

Intellektuelle forderten die Auflösung des Komitees, da es nicht demokratisch legitimiert sei. Daß Lech Walesa bekannte Persönlichkeiten eigenmächtig in "sein" Komitee aufgenommen hatte, war in der Illegalität zwar unerläßlich gewesen. In den letzten Monaten jedoch wollte er dadurch nur noch eine unbequeme Fraktion ausschalten. Walesa hatte das Gremium auf über 160 Personen erweitert, so daß der ursprüngliche Kern der Gründer zur linksliberalen Minderheit wurde.

Der Rückzug dieses Flügels, angefangen von Bronislaw Geremek, Vorsitzender der Solidarnosc-Parlamentsfraktion, bis hin zu Jerzy Turowicz, dem Chefredakteur der katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, kommt Walesa gelegen. Ein ihm politisch nahestehendes Bürgerkomitee stärkt ihm den Rücken für seine jüngste Offensive: Walesa ist entschlossen, die augenblickliche Regierungskoalition zwischen Solidarnosc und Ex-Kommunisten zu sprengen, um sich selbst auf den Präsidentensessel zu hieven.

In Polen hat sich während der vergangenen Wochen eine Art rechte Mitte formiert, der es schließlich gelang, das Bürgerkomitee zu vereinnahmen. Diese politische Ausdifferenzierung ist mit einigen Unwägbarkeiten verbunden: Walesa könnte, so befürchten seine Widersacher, zur Befriedigung seines Machtstrebens auch den wachsenden Unmut der Bevölkerung gezielt nutzen, um die amtierende Regierung zu kippen.

Dadurch würde der ehrgeizige Arbeiterführer deren Reformprogramm, mithin Polens Stabilität gefährden, denn er hat weder konkrete Korrekturvorschläge noch ein alternatives Programm. Die linksliberale Strömung im Bürgerkomitee hat sich bisher weder organisatorisch zusammengeschlossen, noch ein Programm erarbeitet, das über die "Philosophie der Regierung Mazowiecki" hinausgeht. Sollte sich Walesa durchsetzen, bewiese dies nicht nur die Stärke der "Rechten", sondern auch die Schwäche der Linksliberalen. H. H.