Wenn ein so ehrenwerter Mann wie der PreussenElektra-Chef Hermann Krämer beteuert, die Initiative zur Beteiligung westdeutscher Stromkonzerne an der Versorgung der DDR sei von eben dieser DDR ausgegangen, dann ist daran nicht zu zweifeln. Aber es gibt auch Hilferufe, die geradezu dringend erwünscht sind. Man tut den Elektrizitätsunternehmen, die jetzt vor dem Sprung über die Grenze stehen, wohl nicht Unrecht mit der Unterstellung, daß sie in der DDR Horchposten aufgestellt hatten, um auch nicht den leisesten Ton zu überhören.

Denn für das Bayernwerk, die PreussenElektra und das RWE – diese drei Konzerne verhandeln mit der DDR – ist das Versorgungsdilemma bei den Brüdern und Schwestern im Osten ein gefundenes Fressen. Ohne das neue Geschäft hätte dem Trio nämlich eine Frustperiode gedroht, weil es in der westdeutschen Stromversorgung so gut wie nichts mehr zu tun gibt. Bis zur Jahrtausendwende muß kein neues Kraftwerk gebaut werden. Die als notwendige Reserve verbrämte Überkapazität reicht völlig aus, den nur noch betulich wachsenden Stromverbrauch zu decken.

So schien es das unvermeidliche Schicksal der Strom-Manager zu sein, nach neuen Investitionsmöglichkeiten für den nach Abschluß der Umweltschutz-Investitionen besonders breit fließenden Geldstrom suchen zu müssen. Das RWE kaufte von der Texaco schon deren deutsche Mineralölaktivitäten, das Bayernwerk beteiligte sich gemeinsam mit seinem Großaktionär Viag an Klöckner & Co. Der PreussenElektra war nicht einmal dies vergönnt – sie mußte ihr überschüssiges Geld bei der Muttergesellschaft Veba in Düsseldorf abliefern.

Doch nun hat alle Not ein Ende. Die Sanierung der desolaten Elektrizitätswirtschaft im anderen Teil Deutschlands verheißt Arbeit für viele Jahre – eine Art Pionierzeit ist angebrochen. Vermutlich bleibt "drüben" kein Stein auf dem anderen, werden die umweltbelastenden Braunkohlenkraftwerke reihenweise abgerissen und durch neue Blöcke ersetzt, deren Energiequelle nicht immer die Braunkohle sein muß. Die Tage der Atommeiler in Greifswald sind wohl auch gezählt, weil die Experten einhellig der Meinung sind, daß hier ein unvertretbares Sicherheitsrisiko schlummert.

Daß sich westdeutsche Stromkonzerne der maroden DDR-Kraftwerke annehmen, findet weitgehend Beifall. Niemand bestreitet etwa dem RWE die Kompetenz bei der Stromerzeugung aus Braunkohle; und gewiß versteht die PreussenElektra viel von Kernkraft- und Steinkohlenkraftwerken. Das nötige Geld für Um- oder Neubau der Kraftwerke haben sie auch; denn die riesigen Investitionssummen können selbst dann nicht von der DDR-Stromwirtschaft aufgebracht werden, wenn etwa der Strompreis im Haushalt von 8 auf 24 Pfennig pro Kilowattstunde steigt.

Gesucht werden Techniker und Finanziers – mit Bayernwerk, PreussenElektra und RWE sind sie gefunden. Und die DDR-Regierung hat es eilig, das Geschäft unter Dach und Fach zu bringen, weil sie eine Versorgungskrise im Winter befürchtet. Schon mit der Stromerzeugung in Greifswald ist die DDR selbst in milden Wintern nur knapp an einem Zusammenbruch des Netzes vorbeigeschrammt – ohne Greifswald reichen vermutlich wenige Tage mit extrem niedrigen Temperaturen aus, den Blackout herbeizuführen.

Mit westdeutscher Hilfe läßt sich das vermeiden. Rein rechnerisch reichten die "Reserven" der Stromerzeuger in der Bundesrepublik auch bei höchster Belastung noch aus, die gesamte DDR zu versorgen. In der Praxis ist das freilich nicht möglich, weil es zwischen der Bundesrepublik und der DDR nicht genügend "Kupplungen" gibt, die auf der einen Seite Strom übertragen, auf der anderen Seite aber auch abschalten, wenn Frequenzschwankungen im Comecon-Netz – an das die DDR angeschlossen ist – die Stabilität des westdeutschen Verbundnetzes bedrohen.