Verschiedene Socken

In der Rubrik "Reinfall der Woche" lesen wir in DAZ (Die Andere Leipziger Zeitung), was "Maximilian L., Schüler" widerfuhr: "Samstag morgen, 8.30 Uhr verließ der modebewußte achtjährige Maximilian L. wohlgemut sein Zuhause und ging zum vereinbarten Treffpunkt für einen Klassenausflug. Zwei vorbeifahrende Polizisten witterten Morgenluft, setzten ihn in ihr Auto und führten ihn der elterlichen Wohnung zu. ‚Ihr Sohn hatte zwei verschiedene Socken an (!), und wir waren der Meinung, daß er aus einem Kinderheim ausgerissen ist.‘ Die mütterliche Reaktion: ‚Ach, wissen Sie, er findet das schick, und ich trag auch gern zwei verschiede Socken, ist doch lustig.‘ Da kommt so ein Polizisten-Weltbild ganz schön ins Wanken, gelernt ist gelernt: Wer nicht zwei gleiche Socken trägt, der frißt auch kleine Kinder! Kommentar Maximilian L.: ‚Aber die Autofahrt war schön!‘"

Man sieht: Das Polizeiwesen (Ost) ist noch gut in Schuß.

Portrait vor dem Kampf

Schon indem Maggie Brown die Annäherung an ihr Objekt beschreibt, schafft sie Atmosphäre. Maggie Brown ist Berichterstatterin der englischen Tageszeitung The Independent, und sie ist im Auftrag unterwegs zur Konkurrenz – zum Interview mit dem neuen Chefredakteur der Times. Das Erstaunliche sei, schreibt sie, daß der Mann so wenig sichtbare Zeichen der Macht genieße. "Simon Jenkins arbeitet in einem widerlich langgezogenen Büro, das ohne direktes Licht unter die Dachrinnen eines umgebauten Speichers in Wapping gefaltet ist. Die Reste des Mittagessens verwesen in einem Teller auf seinem klebrigen Schreibtisch, Baujahr zirka 1980. Kann die Herausgeberschaft der Times so entwertet sein?"

Dieses britische Stilleben bleibt aber die letzte Abfälligkeit. Fast eine halbe Zeitungsseite widmet der Independent einem ernsthaften Portrait von Simon Jenkins, beschreibt seinen Arbeitsstil, hört sich seine Pläne an und zitiert: "Der Independent hat seine Panzer auf unseren Rasen gestellt und bewußt beschlossen, unser Territorium zu besetzen. Ich zweifle nicht, daß wir versuchen müssen, es zurückzuerobern. Der Independent ist unser Hauptziel." In England trifft man sich auch zur Schlacht bei einer Tasse Tee. Der Gegner ist immer ein schönes Bild wert. Hierzulande schlägt man sich schon innerhalb einzelner Medien die Köpfe ein (siehe Springer gegen Kirch bei Sat 1). Und für Chefredakteure interessiert man sich am heftigsten dann, wenn sie gerade unwürdig entlassen worden sind.