Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch: Wie alt ist er? Wie viele Brüder hat er? Wieviel wiegt er? Wieviel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie, ihn zu kennen.

"Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupery. Wieviel wog der Dichter? Sammelte er Schmetterlinge? Wieviel verdiente sein Vater? Alles vergessen. Wie alt ist er? An diesem Freitag neunzig.

Glück aus Japan

Wenn jemand rund eine Million Dollar verschenkt, um das Lebenswerk von Künstlern auszuzeichnen, dann kommt er für gewöhnlich in Spenderattitüde daher. Nicht so die Mäzene des japanischen Praemium Imperiale, der von der Japan Art Association vergeben wird, hinter welcher zum einen die viertgrößte Medien-Gruppe der Welt, zum anderen Prinz Hitachi, der Bruder des japanischen Kaisers, steht. "Wir Japaner", sagte ein Sprecher des Komitees, und man sieht förmlich die höfliche Verbeugung, "wollen die Künstler anderer Länder ehren, die uns so viel Glück bereitet haben." Was auch heißt, daß Japaner diesen Preis nicht erhalten können. Da man in Japan auch noch an das Glück der Autorität und Hierarchie glaubt, hat man sich eine prominente Jury von Kunst-Politikern (nicht zu verwechseln mit Polit-Künstlern) zusammenerlesen: Jaques Chirac, Edward Heath, Helmut Schmidt, Amintore Fanfani und David Rockefeller – bis auf den letzten alles politische Amtsinhaber a.D. Was die Herren dem Mäzen im zweiten Jahr des königlichen Preises vorgeschlagen haben, ist von solider Prominenz: Der Spanier Antoni Tàpies erhält den Preis für Malerei, der Schotte James Stirling den für Architektur, der amerikanische Musik-Multi Leonard Bernstein den für Musik, der Italiener Federico Fellini den für Film und, jetzt sacken wir allerdings ins Mittelmaß, der Italiener Arnoldo Pomodoro den für Skulptur. Der Praemium Imperiale: eine generöse Tat mit erlauchten Paten – etwas mutiger könnte man in Zukunft noch werden, trotz der rundum königlichen Umstände.

Die Medien und die Medien

Kennen Sie INTERFACE? Nein. Und das PHANTOM? Aber natürlich kennen wir alle das uns noch unbekannte "Phantom der Oper", zu dessen Besichtigung die Hansestadt Hamburg Hunderttausende von Kunstfreunden erwartet, eine Zahl, die durch den Bericht unseres Theaterkritikers nur unwesentlich beeinträchtigt werden wird. Und INTERFACE? Ja, das ist nicht, wie der Englischlehrer wohl meint, ein Zwischengesicht, sondern ein Begriff aus der Elektronik, der den Titel abgibt für ein internationales Symposium, das vom 6. bis 8. November des Jahres zum Thema elektronische Medien und die Künste in Hamburg veranstaltet wird. INTERFACE, das internationale Künstler, Wissenschaftler und Technologen versammelt, findet übrigens in den Deichtorhallen statt, jenen gewaltigen Ausstellungshallen, in denen das Phantom der Kunst bisher eher Vor-Premieren hatte. Mit 300 Kilo Trockeneis, 624 Scheinwerfern und 130 Lautsprechern kommt das PHANTOM schon jetzt als Medienspektakel daher – auf ein Medienereignis zählt die Hamburger Kulturbehörde, die INTERFACE veranstaltet, und läßt sich durch die Tatsache, daß das "Hoch im Norden" derzeit unter permanentem Tiefdruck steht, nicht entmutigen.