Von Hans Harald Bräutigam

Der amerikanische Frauenarzt Kirkwood Shy und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter von der Washington-Universität in Seattle wollen eine heilige Kuh der Geburtshilfe schlachten. Im angesehenen New England Journal of Medicine (Band 323, S. 580) behaupten sie, daß die in allen entwickelten Ländern längst eingeführte elektronische Herzfrequenzüberwachung, die Kardiotokographie, während der Geburt nichts tauge. Ja diese sei sogar dem Abhören der kindlichen Herztöne mit dem Holzhörrohr unterlegen. Nicht nur werdende Mütter und Geburtshelfer, auch Rechtsanwälte und Gerichte, die sich mit Kunstfehlervorwürfen gegen Ärzte beschäftigen, müßten gründlich umdenken, wenn das alles zutrifft, was die kalifornischen Kollegen ins Feld führen.

Zu Beginn der siebziger Jahre hat der technische Fortschritt auch Eingang in den Kreißsaal gefunden. Der deutsche Gynäkologe Konrad Hammacher hatte mit der Entwicklung des Kardiotokographen das bislang zum Abhören der kindlichen Herztöne benutzte Holzstethoskop endgültig abgelöst. Mit den abgekürzt als CTG bezeichneten, recht teuren Geräten werden die Herzschlagfolge des ungeborenen Kindes, die Wehenstärke sowie ihre Häufigkeit aufgenommen und auf einem Papierstreifen registriert. Die Interpretation dieser Kurven ist abhängig von der Laufgeschwindigkeit des Papierstreifens und der zeitgerechten Aufzeichnung der unterschiedlichen Herzschlagfolgen.

Bei seiner Kritik am fortlaufenden elektronischen fetal monitoring durch das CTG versäumt Kirkwood Shy, die von ihm gewählte Aufnahmetechnik zu beschreiben. Dem Leser wird lediglich mitgeteilt, daß in einer prospektiven Studie die Häufigkeit von Hirnschäden bei frühgeborenen Kindern (bis 1750 Gramm) untersucht worden sei, deren Geburt entweder mit dem CTG oder mit dem Hörrohr überwacht wurde. Bei untergewichtigen, frühgeborenen Kindern ist die rechtzeitige Erkennung eines Sauerstoffmangels durch das CTG besonders wichtig. Hier steht die Leistungsfähigkeit dieser Methode gleichsam auf dem Prüfstand.

Diese Prüfung hat das fetal monitoring in diesem Fall offenbar nicht bestanden. Die frühgeborenen Kinder, die nur mit dem altmodischen Stethoskop überwacht wurden, haben sogar deutlich besser abgeschnitten. Roger Freeman vom Memorial Medical Center in Long Beach, der diese Hiobsbotschaft zustimmend kommentierte, brachte sie auch gleich auf den springenden Punkt: Künftig könne nur noch bei einer äußerst fahrlässigen Bewertung des CTG von Behandlungsfehlern des Arztes die Rede sein.

Das läßt aufhorchen, denn so manche Geburtshelfer, die dem elektronischen Fortschritt im Kreißsaal begeistert gefolgt sind, müssen sich jetzt nachträglich als Opfer einer ungerechtfertigten Beurteilung durch sachverständige Gutachter in "Kunstfehlerprozessen" fühlen. In diesen gründete nämlich die Beweiswürdigung durch die Richter vornehmlich auf der Dokumentation des CTG. Daher haben die kritischen Untersuchungen durch Kirkwood Shy auch für die bundesrepublikanische Geburtshilfe und die Rechtsprechung eine so große Bedeutung. In den letzten Jahren war die elektronische Herzfrequenz-Registrierung allzuoft zu einem Instrument juristischer Auseinandersetzungen und der sogenannten "Defensivmedizin" geworden.

Für den prominenten Berliner Geburtshelfer Erich Saling – er ist als vehementer Verfechter der fachlichen Trennung von Geburtshilfe und Gynäkologie bei seinen Kollegen nicht sonderlich beliebt – hat das CTG ohnehin nur die Funktion eines empfindlichen Warnsignals, dessen Problematik er wie folgt umschreibt: "Es wirkt wie ein Affe im Dschungel, der bei der kleinsten Gefahr seine Artgenossen warnt. Ruft er zu oft, so wird er nicht mehr gehört." Schon bei geringen Unregelmäßigkeiten im Kurvenverlauf des CTG stehen andere, zuverlässigere Methoden zur Erkennung drohender Gefahren für das Kind zur Verfügung. Folge des gefürchteten Sauerstoffmangels ist nämlich die Übersäuerung des Blutes. Diese Azidose kann leicht und rasch im kindlichen Blut gemessen werden. Eine intra-uterine Azidose kündigt eine akute Gefährdung an, und zwar viel verläßlicher als das CTG. Nach Salings Auffassung ist die falsche Interpretation der kindlichen Herzfrequenzkurve ganz erheblich mitverantwortlich für die steigende Kaiserschnitthäufigkeit. Aus Unsicherheit und Angst vor juristischen Konsequenzen erfolgt der Griff zum Skalpell.