Gelangweilt schlendern acht oder neun Passanten am ehrwürdigen Renaissance Rathaus in Leipzigs Stadtzentrum vorbei. Die Embleme von Hugo Boss, Daniel Hechter und Lacoste auf der T Shirt Brust weisen sie als WestTouristen aus. Breitbeinig und mit spöttischem Grinsen bleiben sie hinter einer Ansammlung von Menschen stehen, die der Rede eines jungen Mannes lauscht. Der Redner steht vor einem Stand der Ost SPD und spricht über Möglichkeiten der Stadtsanierung.

"Das ist Quatsch, das wirst du so bestimmt nicht packen können", trompetet plötzlich die Stimme eines der Touristen durch die Ansammlung nach vorn, als der SPD Mann davon spricht, daß die Stadt Kredite aufnehmen und die neuen Arbeitslosen zum Zweck der Gebäudesanierung beschäftigen solle.

Die Zuhörer bilden sogleich eine Gasse, durch die nun der West Tourist nach vorn schreitet, als hätten die Leipziger nur auf ihn gewartet. Der Redner tritt unwillkürlich zwei Schritte zurück und fragt: "Was würden Sie denn anders machen?" In jovialem Tonfall, als sei er von Kindern umringt, gibt nun der Tourist seine Meinung zum besten. Viele nicken, keiner hat Einwände, niemand widerspricht.

Szenen wie diese sind derzeit in vielen Städten der DDR zu beobachten. Sie legen Zeugnis ab von einer für uns Westdeutsche bestürzend geringen Standhaftigkeit. Offenbar wirkt die arrogante Selbstherrlichkeit vieler bundesdeutscher DDRBesucher auf die Einheimischen wie eine Offensive, vor der sie zurückweichen - sie sind auf der Flucht vor der Konfrontation.

Umgekehrt offenbaren viele Westdeutsche einen merkwürdigen Zwang zum Imponiergehabe. Ob am Spielzeug Verkaufsstand eines westdeutschen Händlers, beim Vertreter Gespräch im volkseigenen Buchgeschäft oder während der Konzertpause des Gewandhausorchesters: Immer wieder hört und sieht man Bundesdeutsche, wie sie sich vor den Einheimischen aufplustern, wie sie belehren und recht haben wollen. Es scheint, als hätten die Deutschen sich erneut gespalten, nun in ein Volk der Oberlehrer und in eines der artigen Schüler. Kein Zweifel: Selbst PDS Kommunisten bekennen heute, daß ihre Plan- und Kommandowirtschaft ein historischer Irrtum, daß ihr Staatssozialismus unwiderruflich gescheitert sei. Was aber geschieht mit den Menschen, die dieses kaputte System getragen, die nun vierzig Lebensjahre in den Wind geschrieben haben? Wenn jetzt, unter dem Zeichen der Wirtschaftsunion, die beiden Deutschlands zu schnell vereinigt werden, bleibe ihnen als Rest Identität nur das dumpfe Gefühl, "Deutsche zweiter Klasse" zu sein, während die Bundesrepublikaner in ihrer "Haste was bistewas Identität" auftrumpfen werden, fürchtet die Ostberliner Sozialpsychologin Ruth Berger. Man kann es in diesen Tagen beobachten, wie Deutsche zurückfallen in das häßlich autoritäre Rollenspiel vom Herrn und vom Knecht, wenn sie einander begegnen.

In Ost Berlin zum Beispiel, gegenüber vom Marx Engels Forum, ließ die SED Führung von einem schwedischen Generalunternehmer das protzige "Palasthotel" für Gäste aus dem Ausland errichten. Im Erdgeschoß immerhin gibt es ein Restaurant mit akzeptabler Küche, das auch DDR Bürgern, die nur in Ostmark bezahlen können, offensteht. Entsprechend groß ist die Nachfrage; für einen Tisch muß oftmals viele Tage im voraus reserviert werden.

Es ist Samstag abend. Ein älteres Paar, sorgfältig herausgeputzt, betritt das Lokal. Es nennt leise seinen Namen und fragt nach dem reservierten Platz. Als die Kellnerin das Paar an den vorgesehenen Tisch geleitet, wird sie gewahr, daß dort bereits vier Geschäftsherren Platz genommen haben. Deren Outfit und Gehabe weisen sie als Westdeutsche aus. Die junge Kellnerin holt Luft und will zu sprechen beginnen. Da blickt einer der vier Herren - Goldbrille, Kaschmir, Moustache - das Mädchen mit hochgezogener Augenbraue kurz und herrisch an, dann mustert er das diskret im Hintergrund harrende Paar, als handele es sich um ein Sonderangebot im Sommerschlußverkauf. Das genügt. Die Kellnerin wendet sich um, spricht von Irrtum und empfiehlt, es in ein oder zwei Stunden erneut zu versuchen.