Von Rob Kieffer

Heino Zimmer kann die meisten seiner Fahrgäste mit Vornamen anreden. Betritt aber mal ein Fremder die Planken, weiß der Fährmann sofort, ob es einer von hüben oder einer von drüben ist. Die von Oberbillig grüßen nämlich nur mit "Moien", wenn es auch tatsächlich Vormittag ist; die von Wasserbillig sagen "Moien" zu jeder Tageszeit, selbst abends, wenn das Schiff um 20 Uhr zu seiner letzten Passage ablegt. Ansonsten sind die sprachlichen Unterschiede eher klein: Hier tönt es etwas klobiger, dort etwas melodischer. Im deutschen Oberbillig, "Uwwabellij", der Heimat von Fährschiffer Zimmer, hat jener moselfränkische Dialekt überlebt, der auf der anderen Seite des Wassers, auf luxemburgischen Boden, Landessprache ist.

Die kleine Fähre, die von weitem an ein überdimensionales Lego-Modell erinnert, ist das einzige Auto- und Passagiertransportschiff, das noch an der luxemburgisch-deutschen Grenze Dienst tut. Ohne die Sankta Maria, die über die Mosel tuckert, die an dieser Stelle nur 120 Meter breit ist, wären die Bande zwischen den Zwillingsorten Oberbillig und Wasserbillig längst gerissen. Die beiden Ortschaften stellen ein geographisches und politisches Kuriosum dar. Obwohl durch den Fluß voneinander getrennt, bildeten sie jahrhundertelang eine einzige, dem Land Luxemburg zugeordnete weltliche und kirchliche Gemeinschaft. Wegen seiner Verknüpfung mit Luxemburg wechselte Oberbillig öfters die Staatszugehörigkeit, war burgundisch, spanisch, österreichisch oder französisch. Erst beim Wiener Kongreß von 1815 wurde Oberbillig abgenabelt.

Die Moselfähre spielte schon im zehnten Jahrhundert, zu Zeiten der auf Schiffszölle erpichten Trierer Erzbischöfe, eine wesentliche Rolle im Verkehr zwischen den zwei Billig, zumal beide Ortschaften an beiden Ufern Weinberge, Äcker und Wälder besaßen. Erste verbriefte Zeugnisse vom Einsatz einer gemeindeeigenen Fähre, einer flachen Ponte aus Holz, stammen aus den Tagen der französischen Besatzung. 1810 regelte ein Pachtvertrag, daß "ein nicht in der Gemeinde Wohnender für das Übersetzen 3 Centimes bei Tage und bei Niedrigwasser und das Doppelte bei Nacht und bei Hochwasser zu zahlen hat".

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten frostige Zeiten zwischen den Geschwisterorten: Aus Verwandten und Freunden waren Feinde geworden. Die Luxemburger duldeten keine direkte Fährroute mehr zwischen den beiden Ufern – allzu wach waren noch die düsteren Erinnerungen an die Sturmboote der Wehrmacht. Die Oberbilliger, die dennoch nach drüben wollten, begaben sich auf eine umständliche, schikanöse Fahrt. Der Nachen transportierte sie ans linke Flußufer auf deutscher Seite, von dort mußten sie über die Zollbrücke, die über den Moselzufluß Sauer führt.

"Die Mosel wurde längst gestaut, doch Brücken wurden nicht gebaut", protestierten die Oberbilliger nach der 1964 vollendeten Moselkanalisierung. Eine Brücke zwischen Oberbillig und Wasserbillig wurde zwar auch dann nicht gebaut (die nächsten Ubergänge befinden sich im achtzehn Kilometer entfernten Trier respektive’ im zehn Kilometer entfernten Grevenmacher), doch das Eis begann zu tauen. Mit einem großen, pathetischen Einweihungszeremoniell wurde die uralte Fahrverbindung Oberbillig – Wasserbillig am 30. April 1966 wieder aufgenommen. Die Politiker versäumten nicht, die Sankta Maria, deren chronisch defizitärer Betrieb seitdem von beiden Gemeinden finanziert wird, als Wahrzeichen der Friedens- und Verständigungsbemühungen zweier Nationen darzustellen.

Der kleine Grenzverkehr übers Wasser ist heute reger denn je. Da gibt es die Berufspendler in beide Richtungen, die Radsportler, die bei gutem Wetter eine Zweiland-Schleife via Trier ziehen, die Wanderer, die Rentner, die sich zu einem "Plättchen" Moselwein in die Schwestergemeinde begeben, oder die Großeltern, die mit ihren entzückten Enkeln einfach nur so zum Spaß über den Strom schippern, weil mit 1,40 Mark pro Passagier die Sankta Maria billiger als ein Kirmeskarussell ist. Da es im 890 Einwohner zahlenden Oberbillig nur noch einen einzigen Lebensmittelladen gibt, pilgern die deutschen Moselaner mit ihren Einkaufstaschen in den luxemburgischen Nachbarort. Im größeren, 2300 Seelen zählenden Wasserbillig ist man bestens gewappnet, zumal was den Verkauf von preiswerteren, da niedriger besteuerten Alkohol-, Zigaretten- und Kaffeesorten anbelangt. Überall prangen grell phosphoreszierende Reklameschilder, die Auslesen und Krönungen zum Supersparpreis anbieten. Beim Kauf einer Stange Zigaretten gibt’s ein Feuerzeug gratis. Die Ortschaft ähnelt einem US-Highway: Nahezu alle Tankstellenfirmen, mit aufdringlichen Fähnchengirlanden geschmückt, sind hier vertreten; noch ist das Benzin im Großherzogtum billiger als in den Nachbarländern.