Die Adria sieht mal wieder aus wie ein Binnensee. Die Wasseroberfläche scheint blankpoliert zu sein, nicht einmal das Geräusch am Strand auslaufender Wellen ist an diesem Junimorgen zu hören. In der Strandbar von Cesenätico lassen sich die ersten Gäste nieder, vorwiegend Deutsche. Zum Baden ist es noch zu kühl, man sitzt lieber vor dem Fernseher und genießt beim ersten Drink die Tore der Weltmeisterschaftsspiele vom Vorabend, in Zeitlupe, fünffach wiederholt, und danach als Computersimulation. Im Yachthafen wirft die Mannschaft der italienischen Region Emilia Romagna soll heute nur für eine Stunde hinaus aufs Meer - ein Fernsehteam aus Mailand filmt an Bord. Die Daphbelegt sie doch die ernsthafte Sorge um den Zustand der Adria. Während das elegante, siebzehn Meter lange Boot das spiegelglatte Wasser zerschneidet, flimmern auf den Instrumenten in der Kajüte die Meßergebnisse von Temperatur, Salzgehalt, pH Wert und gelöstem Sauerstoff. Die PR Show beginnt: Der Biologe Attilio Rinaldi simuliert für die Kamera Interesse an den Zahlenkolonnen und tippt einige Daten in den Computer ein. Wieder an Deck, nimmt er eine Wasserprobe. Das wird bei den Fernsehzu- lH schauern gut ankommen.

Die Ergebnisse überraschen weder Attilio Rinaldi noch seinen Kollegen Giuseppe Montanari, mit dem er seit vierzehn Jahren das Adriawasser analysiert: keine Algen. Jedenfalls nicht ungewöhnlich viele. Das ist die Botschaft, die das Fernsehteam mit nach Hause nehmen soll und für deren Verbreitung man gerne eine Sonderfahrt einlegt. Die Wissenschaft bestätigt offenbar, was die ganzseitigen Anzeigen der italienischen Tourismusindustrie in deutschen Tageszeitungen verkünden: keine Algen. Alles ist in bester Ordnung, der Strand sauber, das Meer am Teutonengrill so blau wie auf den Postkarten. Viel Spaß beim Baden!

Die Werbekampagne der Adriaregionen hat einen Schönheitsfehler. Sie ver- MnBBÜHI schweigt, daß die AlgenPrognose der Wissenschaftler nicht weiter reicht als die Wettervorhersage. Niemand weiß, ob sich nicht doch irgendwann im Juli oder im August die Katastrophe des vergangenen Sommers wiederholen wird. Die Urlauber wollen jedenfalls - trotz aller Werbekampagnen - nicht nur von den Launen der vergifteten Natur abhängig sein: Die Buchungen sind in dieser Saison um vierzig Prozent zurückgegangen.

Drei Wochen dauerte der Spuk im vergangenen Jahr: Die Strande wurden überflutet von roten, grünen und braunen Algen, von mikroskopisch kleinen Einzellern ebenso wie von ekligem "Meersalat", der mit Lastwagen abtransponiert werden mußte. Am wenigsten goutierten die Touristen die glibbrige Masse die Strande überzog. In ihrer Not riefen die Einheimischen zu Bootsprozessionen auf, und im Hafen von Ravenna betete Erzbischof Ersilio Tonini für die Gesundung des Meeres. Wenn es denn etwas geholfen hat, dann zu spät: Als die Algen am 28. Juli so schlagartig verschwanden, wie sie aufgetaucht waren, mußten die Hoteliers schon dreißig Prozent Umsatzrückgang verkraften. Daß die einheimischen Touristen dann im klassischen italienischen Ferienmonat August algenfreies Wasser und blendendes Wetter genossen, meldete kaum noch eine Zeitung. Das Image der Adria, des größten Badestrandes Europas, war bereits ruiniert - wahrscheinlich für viele Jahre. "Märe nostrum", "unser Meer", nannten die Römer das Mittelmeer - als "märe monstrum" betitelt es heute das italienische Magazin LEspresso. Die Konzentration von Krankheitserregern überschreitet an einem Fünftel der Strande die kritischen Werte, ganze Teile der Adria sind kimisch tot. Die 130 Millionen Einwohner der 18 Kustenstaaten, im Sommer verstärkt durch 100 Millionen Touristen, benutzen das Mittelmeer gleichzeitig als Kloake und als Badewanne. Die Olmenge, die das Meer jährlich aufnehmen muß, entspricht siebzehn Tankern von der Größe der Exxon Valgekippten Öls.

Einen "See ohne Hoffnung" nannte der Meeresforscher Jacques Cousteau das Mittelmeer. Einen See deshalb, weil das Binnenmeer zwischen Europa und Afrika wenig Wasser mit den Ozeanen austauscht. Lediglich durch die vierzehn Kilometer breite Straße von Gibraltar und durch den schmalen MBMHHHHH Sueskanal strömt frisches Wasser ins Bassin. Schadstoffe, die einmal drin sind, bleiben drin, jedenfalls für die nächsten achtzig bis hundert Jahre. So lange dauert es, bis die Wassermenge einmal komplett ausgetauscht ist, mindestens vierzigmal langer als bei der Nordsee.

"Wir tun aber so, als sei das Mittelmeer ein Swimmingpool, der alle zwei Tage frisch gefüllt wird", klagt Xavier Pastor, Leiter der Mittelmeerkampagne von Greenpeace.

Alarm wird ausgelöst, wenn den Urlaubern die Zerstörung des Lebensraums Mittelmeer auffällt, wenn sie merken, wie sich die Qualität des "Badeprodukts" verschlechtert. Die Küsten als Schnittstelle zwischen Land und Meer reagieren sehr sensibel auf Umweltbelastungen, und die Tourismusindustrie erlebt solche Veränderungen als Krise. Deshalb werden die Strande neuerdings sorgfaltig überprüft: Die Europäische Gemeinschaft veröffentlicht jedes Jahr einen Badewasserbericht, Umweltorganisationen wie die italienische Lega per lAmbiente (Liga für die Umwelt) testen aus eigenem Antrieb die Beschaffenheit von Wasser und Strand. Die EG vergibt "Blaue Flaggen" für vorbildliche oder zumindest vorbildlich von Müll und Teerresten gereinigte Strande - was Peinlichkeiten allerdings nicht ausschließt, wie das Beispiel der Adriastadt Cattolica zeigt, die just zur Zeit der Algenpest im vergangenen Sommer ihren Persilschein erhielt. Die Ursachen für die Öko Krise im Wasser und am Strand sind auf dem Festland zu suchen Über die großen Flüsse - etwa Ebro, Rhone, Po und Nil - sowie das weitverzweigte Netz der Nebenflüsse entledigen sich achtzehn Anrainerstaaten ihrer Zivilisationsexkremente: