Von Ursula Bode

Das alte Rathaus von Heisingen, ein freundlicher Jugendstilbau, steht mitten im Dorfe, da, wo auch die Kirche ist. Ein paar übriggebliebene Häuser drumherum, in deren natursteinerne Mauern längst griechische Restaurants eingezogen sind. Und das Dorf ist kein Dorf mehr, sondern ein grüner Stadtteil von Essen, oberhalb des Baldeneysees.

In dieses Rathaus, das feinste Gebäude Heisingens, sind nun Mieter eingezogen, und mit ihnen die Welt. Mag sein, daß die Nachbarn, wie die Essener Bürger überhaupt, davon nichts wissen. Doch keine Frage, das außen wie innen penibel restaurierte, in leichtem Aprikosenton bemalte Haus ist zu einer besonderen Adresse geworden, angesteuert von Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen, werktäglich, wöchentlich oder im Abstand von Monaten. Und vierteljährlich kommt die Ministerin vorbei, um zu pflegen, woran auch Politiker wieder zu glauben beginnen – Gespräche.

Martin Warnke, der Kunsthistoriker, dessen Name für Interessierte eigentlich innig mit der Universität Hamburg verbunden ist, gehört zu denen, die hier ständig erscheinen, ausgenommen ein oder zwei Tage in der Woche. Die gehören den Studenten in Hamburg, wo der Wissenschaftler auch wohnt, wochenends. Doch er besitzt seit einem halben Jahr im Heisinger Rathaus einen Arbeitsplatz und hat eine Zweitwohnung in der Nachbarschaft. Er hat paradiesische Vorort-Stille um sich und kann sich Spott leisten: „Das gab’s noch nicht, daß man so ein Institut mitten ins Dorf setzte – es sei denn als Künstlerkolonie.“ Warnke weiß, wovon er spricht, er kennt die einschlägigen Häuser zwischen Gettys kalifornischem Studienzentrum und dem Berliner Wissenschaftskolleg.

Von Künstlerkolonie ist natürlich in Essen nicht die Rede, und auch die saloppe Bemerkung, daß die „einsam herumliegenden Ruhrgebiets-Hochschulen eine Animationsstelle brauchten“, trifft die Sache nur ironisch. Das Kulturwissenschaftliche Institut im Heisinger Rathaus – ein Teil des seit Ende 1988 arbeitenden Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen – ist das jüngste unter den bundesdeutschen Beispielen eines Instituts für Advanced Studies, wie man sie vor allem in angelsächsischen Ländern kennt. Das Wissenschaftskolleg in Berlin war ein deutscher Modellfall, das Historische Kolleg in München ein anderer. Das Institut in Heisingen ist ähnlich konstruiert, als interdisziplinäre Forschungsstätte, die ausgebaut werden soll zu einem Kolleg, mit Arbeits- und Wohnmöglichkeiten für Wissenschaftler(innen): ein Ort des Dialogs zwischen Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch zwischen Angehörigen der zahlreichen Hochschulen Nordrhein-Westfalens. Vom „akademischen Diskurs“ ist im Grundungspapier die Rede und von internationaler Zusammenarbeit, aber auch davon, daß die Pflege und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses hier nicht zu kurz kommen sollen. „Das Institut begreift die gegenwärtige kulturelle Orientierungskrise der entwickelten Industriegesellschaften als eine Chance, gewohnte Denk- und Verhaltensmuster im persönlichen wie auch im gesellschaftlichen und zwischenstaatlichen Bereich in Frage zu stellen“, so formulierte der Präsident des Instituts, der Historiker Lutz Niethammer aus Hagen die Ziele. „Es will seine Themen deshalb vor allem aus Bereichen beziehen, in denen hergebrachte kulturelle Selbstverständlichkeiten problematisch geworden sind und die historische, systematische oder ästhetische Entwicklung von Alternativen erlauben ...“ Das „Kolleg an der Ruhr“ versteht sich als Einrichtung „nicht über, sondern zwischen den Hochschulen des Landes“ – es war dennoch kein Wunder, daß allerorts an Ruhr und Rhein die Kollegen ihren Unmut nicht zurückhielten.

Die Gründung des Heisinger Instituts ist der auf die Geistes- und Sozialwissenschaften konzentrierte Teil einer großangelegten kulturpolitischen Initiative der nordrhein-westfälischen Landesregierung, die vor allem auf den Umgang mit den wichtigen neuen „sauberen“ Technologien und deren Vermittlung von der Wissenschaft in die Praxis konzentriert ist. Bei den Überlegungen zu dieser „Technologie-Offensive“ für eine Industriegesellschaft im Wandel habe von Anfang an die „kulturelle Dimension“ der Veränderungen, gerade im Ruhrgebiet, eine wichtige Rolle gespielt, sagt Anke Brunn, die Ministerin für Wissenschaft und Forschung. Nun ist es ja nicht so, daß die Universitätsinstitute des Landes bislang versäumt hätten, über historische Entwicklungen, Probleme und notwendige Veränderungen ihrer Regionen nachzudenken. Ruhrgebietsforschung, zum Beispiel, gibt es nicht erst, seit die neuen, freischwebenden Denkergruppen dazu Konzepte entwickeln. Ihre Kritiker von den Universitäten weisen deshalb darauf hin, daß mit der Förderung vermeintlicher Innovationen gewachsene Forschungsstrukturen Gefahr laufen, zerschlagen zu werden.

Die Ministerin für Wissenschaft und Forschung grenzt das zu ihrem Hause gehörende Heisinger Institut gegen Vorbilder wie die Berliner Forschungsstätte oder Parallelerscheinungen wie das Bielefelder Zentrum für Interdisziplinäre Forschung ab: Das Kulturwissenschaftliche Institut stelle sich übergeordneten Themen, solchen von globaler Bedeutung, die gleichwohl den Nerv und die Probleme der Region träfen. Das sei Absicht. Die freie Arbeit mit den Instrumenten der Geisteswissenschaft sei gewährleistet: „Wir schreiben kein Programm vor.“ Doch die Einladungen an Wissenschaftler, für ein oder mehrere Jahre in Essen zu arbeiten oder in Studiengruppen mitzuwirken, ergingen im Gegensatz zu anderen Institutionen „themenbezogen“ und über längere Zeiträume. „Es ist nicht so, daß sich Damen und Herren hier zeitweilig vom Hochschulalltag entspannen könnten.“