Von Konrad Heidkamp

Kassel

Dawai, dawai!“ ruft Slawa Butusow, der Sänger von Nautilus Pompilius, nun schon zum vierten Mal über die Lautsprecheranlage auf dem Kasseler Friedrichsplatz. Soundcheck um 18.30 Uhr, und niemand der etwa 2000 Zuhörer, die sich auf der Wiese vor dem Friedericianum im Zentrum Kassels verlieren, weiß so recht, ob das Publikum gemeint ist oder nur der Mann am Mischpult aufgefordert wird, seine Regler endlich in Ruhe zu lassen. Einige schreien zurück: ‚Dawai, dawai“, und die „spannende und erlebnisreiche Begegnung mit der Sowjetunion“ (Oberbürgermeister Hans Eichel) hat begonnen.

Schwülwarme Luft, Kirchenglocken vermischen sich mit den Hinweisen der Ansagerin, die frisch und flott auf die Bedeutung des Ereignisses hinweist: „Das erste rein sowjetische Open-air-Festival in der Bundesrepublik“, bim-bam. „Vier Fernsehsender übertragen von hier, nämlich ...“ bim-bam.

Es ist wie immer. Schlemmerbuden und Trinkrondelle wie Pilze auf der Wiese, die mittelstädtische Punkfamilie mit Buggy und Weinflasche, die ortsansässigen Musikfreaks, Kasseler Bürger, die mal kurz vorbeischaun – nichts ist zu spüren von der kulturellen Bedeutsamkeit dieser Großveranstaltung unter freiem westlichen Himmel. Unbemerkt sucht der Star der sowjetischen Gruppe Auktion die mobile Herrentoilette auf, während dreißig Meter weiter sein Glamourphoto und andere sowjetische Rockdevotionalien auf einem kleinen Campingtisch verkauft werden. Drüben umkreist Sergej Kurjochin, Kopf und Hand der Popularnaja Mechanika, versunken lächelnd die Bühne, und nur Slawa Butusow, eine dunkelhaarige Montgomery-Clift-Ausgabe, kann sich der Medienaufmerksamkeit sicher sein.

Sympathisch und zugleich enttäuschend wirkt das alles. Von 40 000 Besuchern sprachen die Vorankündigungen, zumindest 20 000 sollen es im Laufe der Nacht noch werden, meint die freundliche, hilfsbereite Pressesprecherin. Und wir sitzen im Gras und warten.

Kassels Konzept ist anspruchsvoll und ehrgeizig. „Begegnung mit der Sowjetunion“ von April bis Dezember 1990. Fünf Jahre Glasnost und Perestrojka sollen in 160 Veranstaltungen mit über tausend Künstlern dokumentiert werden. 3,5 bis 4 Millionen Mark kostet das Ganze, wovon die Sowjetunion ein Drittel übernimmt, Bund und Länder 2 Millionen tragen. Mit „extremer Dynamik“, versichert Referent Kujawski, sei Kassel die im Januar 1988 besiegelte Stätdtepartnerschaft mit Jaroslawl angegangen und habe sie schon im Mai 1990 zu einem absoluten Novum weiterentwickelt, nämlich einer Regionalpartnerschaft zwischen Nordhessen und dem „Oblast Jaroslawl“. Von einem Anteil, mit dem „Städte und Gemeinden und Regionen zu einem zusammenwachsenden ‚Haus Europa‘ sehr viel beitragen“ können (Oberbürgermeister Eichel), ist da die Rede, während die Gruppe Nautilus Pompilius mit „Dankescheen“ und „dawai, dawai“ die Pausen zwischen den Stücken füllt. Hört man genauer hin, ist im Kulturhochhaus Europa schon lange eine sowjetische Musiketage eingerichtet. Gut klingt das, ein bißchen glatt, aber auch nicht schlechter als englische Gitarrenbands, die Texte sind symbolverhangen, leider sind sie nicht zu verstehen, aber auch darin ähneln sie den angelsächsischen Vorbildern.