Von Barbara von Becker

Das ist nun alles schon Geschichte: „In Berlin, in Berlin, sagte Sohn Udo, sind wieder zwei über die Mauer, den dritten ham sie gekriegt, denn drei sind zuviel...“, so läßt Irina Liebmann in ihrer Erzählung „Rüberkommen“ den Sohn einer Freundin noch witzeln.

Die Autorin, 1943 in Moskau geboren, studierte Sinologie in Leipzig, bevor sie sich in der DDR mit Reportagen, Hörspielen und Theaterstücken einen Namen machte. Seit 1988 lebt sie in West- und Ost-Berlin. Im Mitteldeutschen Verlag in Halle war 1982 ihr erstes Buch erschienen, das nun, acht Jahre später, auch bei uns publiziert worden ist: „Berliner Mietshaus“, Gespräche mit den Bewohnern eines Hauses „mitten in der Häuserzeile einer gewöhnlichen Straße im Stadtbezirk Prenzlauer Berg“, neunundzwanzig Besuche, von Vorderhaus Parterre links bis Quergebäude vier Treppen rechts, jeder Besuch eine Geschichte. Dabei schafft es die Autorin, daß die genaue Beschreibung eines Raums, des Aufzugs und Verhaltens der Bewohner nie ins Indiskrete abgleitet und trotzdem durch einfühlsames Festhalten und Rekapitulieren Schicksale greifbar werden. Keine aushorchenden Reportagen oder buchhalterischen Protokolle: unter dem behutsam gestaltenden Zugriff der Autorin verdichtet sich erzähltes Leben zu literarischer Form.

Literarische Erzählungen enthält der Band „Mitten im Krieg“, der im Westen schon vor dem Erstling erschienen ist. Ein Prosastück daraus hatte Irina Liebmann 1987 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gelesen und wegen der wohlwollenden Ratlosigkeit der Jury leider nur den Ernst-Willner-Preis dafür bekommen.

Dieser Text behält auch beim Wiederlesen seinen starken, eigenwilligen Reiz. Gleich am Anfang hält die Erzählerin, eine junge Frau, vier Beobachtungen fest: „Aber am Tage vergolden sie das Kreuz auf dem Kirchturm vor der Kaufhalle, an der die Straßenbahnen vorbeifahren, immer pünktlich, und es wird Grünes erwartet. Täglich, sagen die Verkäuferinnen.“ Diese Sätze werden sich noch weitere sechs Male in dem dreizehneinhalbseitigen Text wiederholen – aber jeweils erweitert um Wahrnehmungen, die wiederum in die Wiederholung eingehen. Das, was festgeschrieben ist, wird immer länger, ohne Veränderung setzt sich Gleiches fort, schafft von Gleichem immer mehr. Ein bestechender kompositorischer Einfall, mit dem das Auf-der-Stelle-Treten des Lebens im eingeschlossenen Land leichthändig vorgeführt wird.

Tag und Nacht wechseln sich ab in diesem Prosastück. Tagsüber läßt Irina Liebmann die Erzählerin mit der Straßenbahn fahren und die Leute um sich herum beobachten, eine rituelle Gleichförmigkeit, die durchbrochen wird von den Nächten. Nachts hat der Freund vor der Tür gestanden und gesagt: „... ich will dir etwas schenken. Was willst du mir schenken, fragte ich. Alles was ich habe sagtest du, denn ich verschwinde.“ Und die Nacht über redeten sie von seinem Tod.

Die Nächte sind der Raum, um sich wegzudenken, um mit dem Fernsehbild Ländergrenzen zu passieren oder, das Gesicht „ins Dunkel gewühlt“, den fernen Freund in Gedanken zu suchen. „Hast du die Nacht genutzt?“ Auch diese Frage wiederholt sich – unbeantwortet –, denn wie kann die Nacht, bevor ein Freund das Land verläßt, die kurze Zeit, die noch bleibt, wie kann man diese Zeit je richtig nutzen?