Vor haargenau sechs Jahren saß ein Autor seinem Verleger gegenüber, um das Urteil über sein jüngstes Manuskript zu hören. Der Verleger lehnte sich zurück, nuckelte an seiner Zigarre und meinte dann kopfschüttelnd: „Also, Verehrtester, da ist Ihnen aber ganz schön der Pegasus durchgegangen. Was Sie sich an Blödsinn haben einfallen lassen – Moment, ich bin noch nicht fertig –, geht auf keine Kuhhaut. Mal Punkt für Punkt: Bei Ihnen siegt also, wenn auch in ferner Zukunft, der Kapitalismus über den Sozialismus, der fast ohne Gegenwehr über Nacht wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Es brechen Militärblöcke auseinander, Raketen werden abgebaut. Der Kalte Krieg hört auf, nein, unterbrechen Sie mich nicht dauernd, Sie wollen wahrscheinlich sagen: Das sei doch eine Fiktion. Aber ohne einen Funken Glaubwürdigkeit kommen auch Fiktionen nicht aus. Die aber geht in Ihrem Epos zum Teufel, wenn Sie etwa in den Ostblockländern die westliche Demokratie ausbrechen lassen, die KP so gut wie von der Bildfläche verschwindet und Sie sich zu allem Überfluß auch noch den absurden Gag einfallen lassen, einen Dramatiker und Dissidenten vom Staatshäftling plötzlich zum Staatspräsidenten zu befördern.

Nun lassen Sie mich endlich mal ausreden, denn dann geht Ihre Phantasie endgültig mit Ihnen durch: Kapitel 13 – Die Sowjetunion! Es mag ja noch ein origineller Einfall sein, ausgerechnet am Roten Platz in Moskau ein McDonald’s hinzupflanzen. Danach aber kommt’s wirklich zu dicke: eine Supermacht wie die UdSSR vor Auflösungserscheinungen! Blutige Nationalitätenkonflikte! Gefährliche Flügelkämpfe in der KPdSU! Und schließlich muten Sie dem Leser auch noch einen Kreml-Boß zu, der dauernd Gefahr läuft, fast westlich-demokratisch abgewählt zu werden.

Nein, Verehrtester, noch bin ich dran, jetzt kommen wir nämlich zu Ihrem eigentlichen Anliegen: die deutsche Wiedervereinigung, ein Thema, das nun wirkich für immer passé ist. Und dazu noch Ihre total irrwitzige Version: Bei Ihnen fällt die Berliner Mauer rein zufällig – weil einem hohen SED-Funktionär in einer Fernsehpressekonferenz ein Zettel zugeschoben wurde! Anschließend wird das ganze SED-DDR-Regime samt Honecker, Mielke und der Stasi wie von einem Erdbeben verschluckt. Die Staatsgrenzen fallen, die gesamte DDR wird von der BRD verschlungen, die D-Mark eingeführt, die Vereinigung ist schließlich perfekt.

So, mein Lieber, stellt sich der kleine Moritz die Weltpolitik vor. Meine Empfehlung bei Ihrer überbordenden Vorstellungskraft: Wie wäre es mal mit Science-fiction?

Da fällt mir gerade noch was auf, dieser unzumutbar zynische Schlußsatz in Ihrem Manuskript: ‚Freiheit‘, lassen Sie einen befreiten DDR-Bürger sagen, ‚das ist für mich, wenn ich nicht mehr das Neue Deutschland lesen muß, sondern endlich die Bild-Zeitung lesen darf.“