Eine Liebesgeschichte. Ein Verleger aus fernen Landen vergafft sich in – ein deutsches Buch. Das will er haben, in den Armen seines Verlages. Schon sitzt, nein: kniet er auf der Buchmesse am Stand des deutschen Verlegers. Der gäbe ihm das Buch ja gern. Es muß nur übersetzt werden.

Der sehnsüchtige Verleger kommt aus einem (der Einwohnerzahl nach) kleinen Land – aus Portugal vielleicht, aus Finnland, Israel oder Griechenland. Wenn er die – hohe – Auflage von sechs- bis achthundert Exemplaren an die für Politik, Kunst, Bildung, Literatur wichtigen Leser seines Landes verkaufen kann, war sein Liebeswerben in Deutschland erfolgreich. Dann hat er auch etwas – etwas? viel! – getan für die Verbreitung deutscher Kultur in seinem Land.

Alles ist klein – mit dem Blick auf die Bundesrepublik – im Land, aus dem unser (Verleger-) Freund deutscher Literatur kommt: Sprachfamilie und Bruttosozialprodukt, Leserkreis und Auflage – und, leider, auch das Honorar für Übersetzer. Vier Mark pro Seite, wenn’s hoch kommt. Da hat es der Kollege Verleger aus dem anglo-amerikanischen oder russischen Sprachkreis leicht mit einem Lizenz-Vertrag. Er kann für eine geplante Tausender-, gar: Millionen-Auflage seine Übersetzer mit zweihundert bis dreihundert Mark für jede Seite locken.

Wie in jeder Liebesgeschichte erfinden die beiden ihre eigene Lall-Sprache des Glücks. "Inter Nationes?" flüstert der deutsche Büchermacher. Wohlig sinkt der Liebhaber aus der Fremde zurück, schließt die Augen und wiederholt: "Inter Nationes!" Dann eilen sie nach Bonn, ins Hauptquartier von "Inter Nationes", einer der Vermittler-Zentralen für deutsche Kultur im Ausland.

Flugs ist der Vertrag unterzeichnet: Wenn der ausländische Verleger in zwei, drei Jahren – so lange braucht es, bis ein umfangreicher oder komplizierter Text gut übertragen ist – das deutsche Buch, in fremder Sprache gedruckt, vorlegt, geben wir alle, deutsche Steuerzahler und Leser, Freunde deutscher Kultur und Liebhaber unseres Landes, "Inter Nationes" den Wink, unserem Liebhaber im Ausland einen Scheck auszustellen – na, sagen wir mal: bis zu fünftausend Mark. Zu verwenden nur als Beihilfe für die Übersetzung, damit unser verliebter Verleger nicht Pleite machen muß, nur weil er sich mit einem Buch in unserem "geliebten Deutsch", wie Goethes Faust sagt, eingelassen hat.

Siebzehn Jahre lang leuchtete eine bescheidene Nebensonne der Subventionspolitik, namens "Übersetzungsförderungsprogramm", mit knapp einer Million Mark, über deutschen – und an deutscher Literatur und Wissenschaft interessierten ausländischen – Verlagen. Jährlich konnten etwa 120 deutsche Bücher im Ausland erscheinen, die sonst keine Chance gehabt hätten, in eine fremde Sprache übersetzt zu werden. Vierzig Prozent davon entfielen auf mühsam, also: zeitraubend zu übertragende Gedichtbände, Romane, Erzählungen, Dramen. Rund dreißig Prozent waren wissenschaftliche Werke, die mit ihrem großen Anteil an griechischen, lateinischen, vor allem englischen Wortstämmen, Vokabeln, Formeln rascher in ein anderes Idiom zu übertragen sind. Den Rest fordert das "gehobene" Sachbuch. Kinderbücher? Mit den zumeist wenigen Sätzen auf jeder Seite hüpften sie bisher fast ohne "Förderung" über alle Sprach-Barrieren.