Washington hat Tokio ein riesiges Infrastrukturprogramm abgerungen

Von Helmut Becker

Endlich ist das Drama über die Bühne.“ Dieser Seufzer der Erleichterung stammt aus der japanischen Tageszeitung Asahi Shinbun und galt dem Abschluß einer amerikanisch-japanischen Marathon-Verhandlung mit fünf Gesprächsrunden in zwölf Monaten am vergangenen Donnerstag in Tokio, „der größten Konfrontation zweier Staaten in Friedenszeiten“, wie das Blatt meinte. Tatsächlich stellen die nun beendeten Verhandlungen unter dem Titel „Structural Impediments Initiative (SII)“, also etwa „Initiative zum Abbau struktureller Hindernisse“, den umfassenden amerikanischen Versuch dar, ihr Japan-Problem gründlich und auf Dauer zu lösen. Worum es bei dieser Radikalkur geht, brachte das amerikanische Wall Street Journal auf die Formel: „Wir können es nicht zulassen, daß Japan im Verlauf dieses Jahrzehnts abermals einen Handelsüberschuß von 500 Milliarden Dollar von uns kassiert.“

Doch der amerikanische Zorn speist sich nicht nur aus der bitteren Erfahrung, seit 1983 bis heute jahrein, jahraus im Japan-Handel ein fast konstantes Defizit zwischen 49 und 56 Milliarden Dollar erlitten zu haben. Schwerer als der Saldo von rund 400 Milliarden Dollar, den Japan während der vergangenen acht Jahre im US-Geschäft erzielte, wiegt der amerikanische Vorwurf an den einstigen Juniorpartner in Fernost, diesen Reichtum mit unfairen Mitteln und in der bösen Absicht angesammelt zu haben, den amerikanischen Bündnispartner wirtschaftlich in die Knie zu zwingen.

Der Ärger zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt ist so alt wie der Aufstieg Japans zu seiner heutigen Statur. Gleichzeitig mit Japans Erfolg wuchs der amerikanische Verdacht, das Opfer einer fernöstlichen Verschwörung nach Art des von Englands Premier Margaret Thatcher geprägten Bonmots zu werden: „When Japan woives the rules, Japan rules the waves.“ (Frei übersetzt: „Wenn Japan unfair handelt, beherrscht es bald die ganze Welt.“) Dieser Argwohn vergiftet seit den achtziger Jahren die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Washington und Tokio.

In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts hofften die Präsidenten Jimmy Carter und Ronald Reagan noch, mit teils drastischen Eingriffen in die einzelnen Märkte für Autos, Mikrochips oder Computer der Misere wachsender amerikanischer Japan-Defizite beizukommen. Doch die Sünde wider Marktwirtschaft und Freihandel half der amerikanischen Wirtschaft wenig. Reagan und sein damaliger Finanzminister James Baker sahen schließlich zur Mitte des Jahrzehnts keine andere Wahl als den amerikanisch-japanischen Handelskrieg zu globalisieren und über Einzelmärkte hinaus zu generalisieren: Im Währungsakkord vom September 1985 verpflichtete sich die Fünfergruppe unter Teilnahme Japans, den damals extrem hohen Dollarkurs zu drücken. Das Kalkül: Ein schwacher Dollar sollte den amerikanischen Produzenten Exportvorteile verschaffen und somit die bilateralen Verwerfungen zügig beseitigen.

Abermals hatte sich Washington verrechnet. Japans Exporteure dachten nicht daran, auf ihrem wichtigsten Überseemarkt der Konkurrenz das Feld zu überlassen. Die Japan AG gab die Folgen der Yen-Aufwertung um über fünfzig Prozent in achtzehn Monaten nur zum kleineren Teil an die Auslandskundschaft weiter, steckte dafür aber so gewaltige Verluste ein, daß im Fiskaljahr 1986/87 (31. 3.) jede dritte börsennotierte Firma tief rote Zahlen schrieb. Japans Konjunktur bekam dieser Kraftakt schlecht, Amerikas Exporten ins Reich des Tenno noch schlechter. Im Fiskaljahr 1986/87 überstieg der Handelsüberschuß der Inselwirtschaft erstmals knapp hundert Milliarden Dollar, mehr als die Hälfte kam aus dem US-Handel.