Als einen „Topmanager der DDR“ stellte das Wirtschaftsmagazin Forbes im März den Vorsitzenden der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Cobbelsdorf vor Gerd Sittig, so war dort zu lesen, habe keine Angst vor der Konkurrenz – im Gegenteil Mag sein, daß er zu diesem Zeitpunkt seinen Coup schon fertig ausgebrutet hatte – und er deshalb so viel Zuversicht an den Tag legte

Sittigs LPG, nicht weit entfernt von der Lutherstadt Wittenberg, hatte schon immer unter sehr gunstigen Bedingungen wirtschaften können Sie war von Horst Sindermann, damals Parteisekretär im Bezirk Halle, spater Volkskammerprasident, zur Muster-LPG des sozialistischen Deutschlands auserkoren worden Ein Parteifreund Sindermanns war dort Vorsitzender – eine Vetternwirtschaft, die landesweit bekannt war und der LPG manchen Vorteil brachte Als der Vorsitzende starb, wurde wiederum ein zuverlässiger Genosse berufen Gerd Sittig

Der konnte froh sein, denn er ubernahm einen Betrieb mit ansehnlichem Vermögen Den Wert der Gebäude und Maschinen schätzt er auf 160 Millionen Ost-Mark Nachdem Sittig etwa zehn Jahre lang in diesem stattlichen Betrieb seine Lebensstellung innezuhaben glaubte, kam ihm die Wende nicht gerade gelegen Zugestandnisse an das Privateigentum drohten Es galt deshalb, die ehemals zum LPG-Beitritt gezwungenen Bauern schnellstens abzufinden

Die mußten nämlich bei der Kollektivierung nicht nur ihr Land einbringen, sondern noch Vieh und Maschinen im Werte von mindestens 300 bis 700 Mark pro Hektar – den sogenannten „Inventarbeitrag“ Die Bauern, welche es in den fünfzehn Jahren seit Kriegsende gerade geschafft hatten, einen Viehbestand aufzubauen, mußten ihn also wieder abgeben Eine Kuh wurde damals mit nur 500 Mark bewertet, was nicht ihrem tatsächlichen Wert entsprach

Aus der nahezu kostenlosen dreißigjährigen Bodennutzung und den Inventarbeitragen ist das heutige Vermögen der LPG entstanden Aber davon will Gerd Sittig nichts wissen Mit dem merkwürdigen Argument, die im Jahre 1960 eingebrachte Kuh sei inzwischen ja längst tot, die Maschinen veraltet, mochte er den Bauern ihre Vermögensanteile streitig machen – als hatte der gut ausgebildete Agronom Begriffe wie „Mehrwert“ und dergleichen nie gehört

Um sich weitergehender Ansprüche, wie man sie nach der Wahrungsunion nicht zu Unrecht kommen sah, von vornherein zu entledigen, machten er und viele seiner Kollegen sich daran, den Landeinbnngern ihre Inventarbeitrage noch vor dem 1 Juli auszuzahlen – also in Ost-Mark und ohne Beteiligung am damit geschaffenen Vermögen der LPG Widerstande gegen ein solches Vorgehen wurden gebrochen mit Drohungen („Wenn die LPG konkurs geht, kriegt ihr gar nichts“) oder mit Zeitdruck („Unterschrieben werden muß bis ... “) Fand sich in der LPG-Versammlung dafür keine Mehrheit, wurde nochmals abgestimmt So ließen sich die Bauern mit 500 Ost-Mark für eine Kuh abspeisen, die in Wirklichkeit 3000 West-Mark wert ist

Begreifen laßt sich diese Bevormundung nur, weil die Bauern jahrzehntelang nichts anderes gewohnt waren Obwohl das Land offiziell ihr Eigentum blieb, konnten sie nicht darüber verfugen Es wurden darauf LPG-Gebaude errichtet oder Campingplätze – Einspruch war nicht möglich, der minimale Pachtsatz blieb unverändert Die Genossenschaft benutzte oft die privaten Hofgebaude, bis sie verfielen – Entschädigung zu verlangen, wagten die wenigsten Immer hatte die LPG das Sagen, und mit der Zeit verdrängten viele, daß sie einst vier- und fünfstellige Betrage eingebracht hatten – unmöglich schien die Vorstellung, jemals etwas davon wiederzusehen