Aids ist keine neue Krankheit mehr, bei der die Wissenschaft mit Siebenmeilenstiefeln vorankommt. Die VI. Internationale Aids-Konferenz in San Francisco hat gezeigt, daß sich der Fortschritt auf das Normalmaß eingependelt hat. Viele aufsehenerregende neue Einsichten sind möglich, solange eine Forschungsrichtung in den Kinderschuhen steckt. Danach bremst die immer komplizierter werdende Materie den Erkenntniszuwachs rasch ab. So auch bei Aids.

Die Chancen stehen nicht schlecht, daß künftig die HIV-Infektion und ihre Folgeerkrankungen beherrschbar, wenn auch wohl nicht heilbar werden, falls die Therapie frühzeitig einsetzt. Aber das Aids-Medikament wird es wohl nie geben. Wahrscheinlicher ist eine Behandlung, bei der die Ärzte mit verschiedenen Arzneimitteln, allein oder in Kombination und angepaßt an das Stadium der Infektion, den Ausbruch der Erkrankung so lange wie möglich hinauszögern. Dabei müssen sie auch versuchen, die Nebenwirkungen einer solchen Langzeittherapie in den Griff zu bekommen. Entsprechende klinische Prüfungen sind auf dem Weg. Doch sie brauchen viel Zeit.

Nach den ersten spektakulären Schnellschüssen in der Impfstoff-Forschung, die danebengingen, stehen jetzt langwierige Untersuchungen an tierischen Modellsystemen an, deren vorläufige Ergebnisse gedämpften Optimismus rechtfertigen. Aber selbst wenn alles gutgeht, ist vor dem Jahr 2000 mit einer Vakzine nicht zu rechnen.

Die Zeit ist vorbei, in der Mega-Kongresse mit mehr als zehntausend Teilnehmern zum Thema Aids in jährlichem Abstand sinnvoll und erforderlich waren. Darum ist es auch nicht verwunderlich, daß weitreichende neue Einsichten in San Francisco fehlten. Es blieb bei kleinen Informationssplittern, versteckt unter Hunderten von Beiträgen, die längst Bekanntes als zweiten Aufguß präsentierten oder nur unwesentlich erweiterten. Wirklich neu waren auf diesem Kongreß drei Aspekte, die eher Unmut erzeugten: Erstens eine starke Politisierung, zweitens die Amerikanisierung und drittens die bröckelnde Solidarität zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern in der Aids-Bekämpfung.

Das Motto der Konferenz – „Von der Wissenschaft zur Politik“ – hatte Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt wurden. „Wissenschaft muß die Basis sein für politische Entscheidungen“, hatte Kongreßpräsident John Ziegler bei der Eröffnung postuliert. Doch thematisiert wurde fast ausschließlich die amerikanische Aids-Politik: das zu Recht heftig kritisierte, weil medizinisch unbegründete Einreiseverbot für HlV-Infizierte, die Probleme von klinischen Studien mit neuen Medikamenten in den USA, die Schwächen der grobmaschigen US-Gesundheits- und Sozialsysteme, die Schwerkranke, Schwarze, Frauen, sozial Schwache und ferner auch Aids-Kranke schnell ins Bodenlose stürzen lassen. Begleitet wurde dies von heftigen Demonstrationen der Betroffenen. Dies ist zwar aus Sicht dieser Menschen verständlich – sie nutzten die Konferenz, um weltweit auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Doch die Stimmen der am ärgsten von Aids Betroffenen wurden in San Francisco so gut wie nicht gehört.

Die Entwicklung der Seuche in Afrika ist erschreckend, zunehmend auch in Asien und Lateinamerika und zwar nicht nur in den Städten. In einer ländlichen Region Ostafrikas, nicht besser oder schlechter als andere, so groß wie Bayern aber lediglich mit der Einwohnerzahl von München, gibt es genauso viele Aids-Kranke wie in der ganzen Bundesrepublik und schätzungsweise genauso viele Infizierte. Während in Europa schon aufgeatmet wird, weil die Entwicklung der Fallzahlen den früheren düsteren Prognosen hinterherhinkt, und die Politiker darüber nachdenken, die Forschungsgelder für Aids einzufrieren oder zu kürzen, nimmt in den Entwicklungsländern das Sterben weiter zu, mit katastrophalen Folgen für die Wirtschaft und Sozialstruktur dieser Nationen. Konzepte, beispielsweise für eine von diesen Ländern finanzierbare und unter den dortigen Bedingungen auch realisierbare Behandlung der Patienten, sie fehlten in San Francisco. Das AZT ist kein Medikament für den Barfußarzt. Warten auf Impfstoffe ist verhängnisvoll, denn es fehlen wirksame Präventionsstrategien, die den Bedürfnissen dieser Länder angepaßt sind – der einzige „Impfstoff“, den es zur Zeit gibt. Wer, wenn nicht die reichen Industrienationen, kann die dazu notwendige Forschung finanzieren?

Der Abstand zwischen Wohlstand und High-Tech für die einen und Armut und Leiden für die anderen vergrößert sich zwar nicht nur bei Aids. Doch die Krankheit ist ein weiteres Beispiel dafür, daß globale Probleme nur international gelöst werden können. „Aids ist wie Umweltschutz“, sagt Frank von Sonnenburg, Tropenmediziner an der Universität München und Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation, „wir werden die Krankheit bei uns nie in den Griff bekommen, wenn wir den anderen nicht helfen.“

Barbara Ritzert