Von Romedio Graf von Thun-Hohenstein

Am 3. Juli 1940 um 16.56 Uhr eröffnen die britischen Schlachtschiffe Valiant, Resolution und der Schlachtkreuzer Hood unter dem Kommando des Vizeadmirals Sir James Somerville aus neun Seemeilen Entfernung das Feuer auf die französische Flotte in Mers-el-Kebir, dem Kriegshafen von Oran. Dort liegen die neuen französischen Schlachtkreuzer Strasbourg und Dunkerque und die älteren Schlachtschiffe Bretagne und Provence. Die Bretagne explodiert nach mehreren britischen Treffern, während Dunkerque und Provence auf Grund gesetzt werden. Lediglich die Strasbourg und vier Zerstörer können entkommen. Die britische Operation dauert nur dreizehn Minuten, kostet 1233 französischen Seeleuten das Leben und vernichtet drei Fünftel der französischen Mittelmeerflotte. Noch wenige Tage zuvor zählten die Mariner zu den Verbündeten Großbritanniens.

Die „Operation Catapult“, beschlossen von Premierminister Winston Churchill, voll gebilligt vom Kabinett, hat weitreichende Folgen gehabt. Wie die Briten behaupteten, beseitigte sie zunächst die Gefahr, daß sich die Deutschen jetzt oder später der französischen Schlachtflotte bemächtigten. „Catapult“ markierte aber auch vor aller Welt den Willen Großbritanniens zum Kampf und dies notfalls auch allein gegen ein siegreiches Hitler-Deutschland.

Die Ovationen, die Churchill am 4. Juli im Unterhaus erhielt, zeigten nur, wie dringend man eines solchen Erfolges bedurft hatte. Unzweideutig sollte aber auch den Vereinigten Staaten die britische Entschlossenheit demonstriert werden. Präsident Franklin Roosevelt gab denn auch dem britischen Botschafter Lord Lothian zu verstehen, daß jede noch so geringe Chance, durch die Frankreichs Flotte in deutsche Hände fallen könnte, das britische Vorgehen rechtfertigte.

Für die Franzosen war der britische Schlag gegen die Flotte in Oran eine furchtbare Überraschung, und man empfand „Catapult“ als hinterhältigen Stoß des ehemaligen Verbündeten.

Nun war allerdings die britische Entscheidung für „Catapult“ keineswegs plötzlich gefallen. Bereits am 11. Juni, vierzehn Tage vor der Kapitulation Frankreichs, hatten die Vereinigten Stabschefs die französische Flotte als Frankreichs wertvollste militärische Ressource bezeichnet und erklärt, daß die Franzosen voraussichtlich gezwungen werden müßten, ihre gesamte Flotte zu versenken. Am 12. Juni gab Admiral Darlan, der Oberbefehlshaber der französischen Flotte, dem britischen Premierminister sein Versprechen, die Kriegsschiffe unter keinen Umständen in deutsche Hände fallenzulassen. Falls die Deutschen die Auslieferung forderten, so würde sich die Flotte entweder der britischen Royal Navy anschließen oder sich selbst versenken.

Genau dies verlangten die Deutschen jedoch nicht, weil Hitler zunächst nur verhindern wollte, daß die französischen Schiffe die britische Flotte verstärkten. Der Diktator war anscheinend bereit, deren Internierung in neutralen Häfen zu akzeptieren, da er noch auf einen Verständigungsfrieden mit Großbritannien hoffte. Die Briten sahen allerdings gerade in dieser moderaten deutschen Haltung eine große Gefahr, da sie möglicherweise nur dazu dienen mochte, sich der Schiffe zu einem späteren Zeitpunkt ohne größere Schwierigkeiten zu bemächtigen.