Hohenholz, Freitag, zwei Tage bis zur Währungsunion. In Hohenholz, nahe der Grenze zu Polen bei Stettin, gibt es eine Dorfstraße aus Sand und Kopfsteinpflaster, drei Dutzend flache Häuser, ein Schloß, düster und verfallen, ein Denkmal für die „Helden der Sowjetarmee“, hundert Einwohner sowie Schweine, Hühner, Enten und Gänse. Im einzigen Lädchen stehen an den Wänden gelbe Regale, auf der Theke eine Waage mit Gewichten sowie eine alte Kasse, bei der Schildchen mit den eingegebenen Preisen ratternd in ein Sichtfenster springen.

Verkäuferin Sieglinde steht hinter der Theke. Vier Kundinnen sind im Laden. Eine fragt: „Was soll ich denn bloß kaufen für mein letztes Ostgeld?“ Eine andere legt zwölf Mark auf den Tisch und sagt: „Sieglinde, gib mir irgendwas.“ Sieglinde legt ihr vier Päckchen Zigaretten sowie Dutzende Kaugummis hin.

Hohenholz, Samstag, noch ein Tag bis zur Währungsunion. Die Kneipe hat heute geschlossen, da „die neuen Preise noch nicht bekannt sind“. Flitzer macht deshalb zu Hause eine Grillparty. Flitzer läßt sich auch von Fremden gerne bei seinem Spitznamen nennen. Im übrigen ist er, laut Urkunde, der „beste Besamer im Bezirk“. Der Schweinestall, den er betreut, liegt in Sichtweite zum Haus. Flitzer sitzt mit Frau und Schwiegermutter sowie Gerd und Uschi in einem halboffenen Bretterverschlag, der Fernseher steht auf einem Stuhl. Gerade spielt Argentinien gegen Jugoslawien.

Die Männer haben ihre Hemden ausgezogen. Schwere Kugelbäuche quellen über enge Trainingshosen. Die Frauen trinken Kirschlikör, die Männer schütten Bier und Weinbrand hinunter. Eine Schar Gänse marschiert vorüber. Flitzer sagt: „Euer Bier schmeckt bestimmt besser.“ Dann korrigiert er sich, zum fünften Mal heute, weil er nie mehr „euer“ oder „von drüben“ sagen will. „Wir gehören doch jetzt zusammen“, meint Flitzer. „Von drüben, nee Mensch, schon wieder, also, aus dem Westen, Quatsch, das soll man doch auch nicht mehr sagen...“ – jedenfalls aus dem Landstrich, in dem die Deutsche Mark gültiges Zahlungsmittel ist, kommen Pornos, die Flitzer gestern mit seiner Frau angeschaut hat und die er nun nacherzählt. Gerd lacht dröhnend, die Frauen senken die Köpfe, damit man ihnen ihr Vergnügen nicht gleich ansieht. Plötzlich Jubel, Maradona hat einen Elfmeter geschossen. Um halb zwölf ist die Party vorüber, Hohenholz schläft der Währungsunion entgegen.

Hohenholz, Sonntag, Währungsunion. Über Nacht hat es geregnet, ein Dutzend weißer Enten badet in den Pfützen auf der Dorfstraße. Frau E. findet die Lage ihres Hauses am Ende des Dorfes schlecht, da sie nicht sehen kann, wenn ein Auto ins Dorf fährt. Wenn nun alles noch schlechter werden sollte, will sie sich „aufbammeln“. Einen Strick hat sie schon. Frau E. lacht gequält. Geld hat sie nicht geholt, weil von den 100 Mark Begrüßungsgeld noch 57 Mark übrig sind. Draußen auf der Dorfstraße fährt ein kleiner Junge Rad und singt versonnen: „Die schönsten Pausen sind lila.“ Vor dem Schloß sitzt der alte Herr B. auf einem Schemel und fragt: „Wann spielt Deutschland?“ Flitzer kommt vorbei. „Mensch, haste gesehen, dreizehn haben in Berlin einen Herzinfarkt bekommen.“ – „Von was?“ fragt Herr B. „Na, von der Währungsunion.“ Ach ja, die Währungsunion.

Hohenholz, Montag, immer noch Währungsunion. Morgens um zehn sitzt Flitzer vor dem Lädchen auf drei aufeinandergestapelten Milchkisten. Er trinkt Bier aus einer Dose, „Holsten“. Die Pause kann er sich erlauben, weil er die Schweine schon gefüttert hat. Die Frauen kommen und bestellen Milch für die Woche. Drei Kundinnen kaufen „Smarties“, sonst aber nichts. Flitzer kauft eine weitere Dose Bier, die er mit noch gültigen DDR-Münzen bezahlt. „Westbier für Ostgeld“, sagt er fröhlich und grinst, als habe er Bundesbankpräsident Pöhl ganz persönlich ein Schnippchen geschlagen. Preisschildchen mit den Ziffern „2,20“ springen ratternd ins Sichtfenster der Kasse, als jemand Brot kauft. Flitzer zerdrückt die leere Bierdose in der Hand und lauscht lustvoll dem Knacken des Bleches. Ein neues Geräusch in Hohenholz.

Dirk Kurbjuweit