In der DDR wird manches schlechter, ehe alles besser werden kann

Von Roger de Weck

Der Anfang ist geglückt: Die Bundesbank hat die zweite deutsche Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg meisterlich abgewickelt. Fast reibungslos verlief die Einführung der D-Mark, und sie hat die Bürger der DDR keineswegs in einen wilden Kaufrausch versetzt. Das zeugt von ostdeutscher Umsicht. Denn es kommen erst einmal schlechtere Zeiten, bevor sie sich endlich zum Guten wenden können.

In den nächsten Monaten werden uns alle, im Osten wie im Westen, unzählige Hiobsbotschaften ereilen: von Entlassungen, Konkursen, Protesten und Streiks. Die Optimisten werden es schwer haben, die Skeptiker werden sich vorschnell bestätigt fühlen. Die üblen Folgen der Planwirtschaft werden manche Menschen nun der Marktwirtschaft ankreiden. Ob letztere die Bewährungsprobe besteht, wird von dreierlei abhängen: von der Bereitschaft der Westdeutschen, in der DDR zu investieren; vom Augenmaß der Sozialpartner; und von der Tüchtigkeit der Treuhandanstalt, die binnen kurzer Frist die allermeisten der 8000 volkseigenen Betriebe privatisieren oder schließen muß.

Voraussichtlich wird die bundesdeutsche Volkswirtschaft dieses Jahr gut 500 Milliarden und nächstes Jahr 570 Milliarden Mark für Investitionen im In- und Ausland ausgeben. Die DDR muß dafür sorgen, daß sie davon einen nicht zu kleinen Teil erhält. Das heißt: Sie darf den investitionswilligen Unternehmern und Managern keine Steine in den Weg zur DDR legen. Auch wenn sie eine patriotische Ader haben, werden die Wirtschaftsführer zunächst einmal nach der Rendite schauen. Niemand soll ihnen das verübeln. Man kann nicht die Marktwirtschaft im Osten Deutschlands einführen und zugleich von den Investoren erwarten, daß sie sich nicht marktwirtschaftlich, also gewinnorientiert verhalten.

Noch zuviel Sturheit

Eine der wichtigsten Bestimmungen des Staatsvertrags verpflichtet die DDR, "in ausreichender Zahl und Größe" Grundstücke für industrielle und gewerbliche Zwecke bereitzustellen. Nach wie vor neigen aber manche Kommunen zu kommandowirtschaftlicher Sturheit und Langsamkeit. Dabei sollten die Behörden nicht erst auf Käufer warten, sondern zumindest jene zahlreichen Grundstücke und Gewerberäume, deren Eigentumsverhältnisse unstrittig sind, aktiv feilbieten. Von der Überzeugungsarbeit all der Regierungsbevollmächtigten, die seit dem 1. Juni in jedem DDR-Bezirk den Bürokraten Beine machen sollen, war bislang nicht viel zu merken. Hier muß Ost-Berlin seine Anstrengungen verdoppeln. Denn jede hinausgeschobene Investition bedeutet: mehr Arbeitslose.