In der Nacht zum 1. Juli herrschte nicht der freudetrunkene Überschwang vom 9. November 1989, als die ersten Löcher in Mauer und Stacheldraht den Weg zur politischen Freiheit der DDR öffneten. Ihre ökonomische Freiheit, die sie in der Nacht zum Sonntag mit der Währungs- und Wirtschaftsunion bekommen haben, feierten die Berliner im östlichen Teil der Innenstadt rings um den Alex mit einer beklemmenden Mischung aus Fröhlichkeit, Aggressivität und Wehmut.

Kaum jemand, der nicht dem Tag entgegenfieberte, an dem die D-Mark gesamtdeutsches Zahlungsmittel wurde. Kein Zweifel auch, daß praktisch alle DDR-Bürger froh sind, endlich die letzten Fesseln von vierzig Jahren Kommandowirtschaft abzustreifen, daß sie nicht länger mit einer ungeliebten Währung ins Ausland reisen müssen, sich dort wie arme Verwandte fühlen, daß die meisten auf eine bessere wirtschaftliche Zukunft hoffen und daß sie keine Alternative zum eingeschlagenen wirtschaftlichen Kurs sehen. Doch die täglich zunehmenden Streiks und Demonstrationen offenbaren auch ein gerüttelt Maß an Ängsten und Unsicherheit. Und die DDR-Bürger spüren, daß die Appelle ihres Ministerpräsidenten, Optimismus und Aufbruchsstimmung zu entwickeln, nicht so recht vereinbar sind mit der Aufforderung, sorgsam mit der neuen Währung umzugehen. Die Hamsterkäufe der vergangenen Wochen belegen, daß die Menschen in der DDR erst einmal mit schweren Zeiten rechnen, bevor irgendwann die goldenen neunziger Jahre anbrechen werden. Wie schnell sie Wirklichkeit werden, darüber entscheidet vor allem, welche und wie viele Betriebe den Kampf ums Überleben bestehen.

Für Peter Klopsch, bis vor kurzem Direktor des Stammbetriebes im VEB Werkzeugmaschinenkombinat "7. Oktober", beginnt der erste Arbeitstag nach Einführung der D-Mark mit einem ungewohnten Anblick. Am Werkstor in Berlin-Weissensee steht der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende und hält dem Chef ein frisch gedrucktes Flugblatt der bundesdeutschen IG Metall (Herausgeber: Franz Steinkühler) unter die Nase. Schlagzeile des metall extra: "Metall-Arbeitgeber lassen Tarifgespräche platzen: Jetzt hilft nur noch Druck." Stünde über dem Flugblatt nicht "Sonderausgabe für die DDR", man könnte meinen, Zeuge eines ganz normalen bundesrepublikanischen Tarifkonflikts zu sein.

Noch ehe die D-Mark in den Händen der DDR-Bürger ihre Kaufkraft entfalten konnte, hat sie die im Arbeiter- und Bauernstaat bislang verdeckten ökonomischen Konflikte sichtbar gemacht: zwischen Konsum und Investitionen, zwischen Arbeit und Kapital, zwischen betriebswirtschaftlichen Zwängen und individuellen Wünschen. Der VEB heißt jetzt (in Anlehnung an seinen Vorkriegsnamen) Niles Werkzeugmaschinen GmbH, aus den Werktätigen wurden Arbeitnehmer und aus dem Kollegen Betriebsdirektor der Geschäftsführer. Als solcher sitzt Klopsch im Vorstand des Unternehmerverbandes Berlin-Brandenburg, ist mithin Arbeitgeber und Gegner der IG Metall im ersten richtigen Tarifstreit der DDR. Hat der "Verdiente Techniker" Klopsch, Jahrgang 1937 und seit 1952 im Betrieb, Probleme mit der neuen Rolle als Arbeitgeber? Nein, überhaupt nicht, denn: "Man hat ja keine Wahl, man kann die Marktwirtschaft nur ganz haben."

Gnadenloses Tempo