Natürlich sieht Klopsch den Tarifstreit völlig anders als die IG Metall: Erstens seien die Gespräche nicht "geplatzt", sondern am Donnerstag voriger Woche wegen "physischer Erschöpfung" beider Seiten einvernehmlich unterbrochen worden. Und zweitens würden die Forderungen der Gewerkschaft (zwei Jahre keine Kündigungen, garantierter Zuschuß des Betriebes zum Kurzarbeitergeld) alle DDR-Unternehmen ruinieren. Als aber der westdeutsche Arbeitgeberverband Gesamtmetall anbot, ebenfalls ein Flugblatt in Berlin verteilen zu lassen, hat Klopsch dankend abgewunken – "um die Polarisierung nicht weiter anzuheizen".

Mit gnadenlosem Tempo wurden die Betriebe der DDR in die Marktwirtschaft gestoßen. Jetzt ist der Tag X vorüber, die alten ökonomischen Strukturen haben sich in nichts aufgelöst, und binnen kurzem wird sich zeigen, ob in Sachen Zukunft der ostdeutschen Wirtschaft die Optimisten oder die Pessimisten recht hatten.

Die Niles GmbH jedenfalls soll bis in etwa sechs Wochen ihre D-Mark-Eröffnungsbilanz vorlegen. Dann tritt auch der Aufsichtsrat (bestückt mit Vertretern der Regierung, der Kunden und der Banken) erstmals zusammen, und danach wird sich das Unternehmen im Prinzip nicht mehr von einer normalen Firma in der Bundesrepublik unterscheiden.

Dessen Perspektiven unter dem D-Mark-Regime sind – gemessen am DDR-Standard – nicht einmal so schlecht. Schon vor der Wende gehörte der Betrieb zu den Perlen der DDR-Industrie.

Der Exportanteil und das internationale Ansehen sind hoch, auf seinem Spezialgebiet – Verzahnungsschleifmaschinen – ist der Betrieb weltweit Marktführer. In den vergangenen Wochen reduzierte Klopsch die Belegschaft von 2250 auf 1700 Mitarbeiter; am Ende des Jahres sollen es unter 1500 sein. Die meisten Betroffenen gingen in den vorgezogenen Ruhestand, einige gründeten mit Unterstützung des Betriebes eine eigene Existenz. Der bisherige Leiter des Fuhrparks wurde Chef einer kleinen Transportfirma, auf ähnliche Weise gliederte man den Bauhof, die Elektroinstallation und eine Projektierungsabteilung aus. Insgesamt fanden knapp hundert Menschen in elf neuen Kleinbetrieben Arbeit. Die dem Kombinat wider alle ökonomische Vernunft aufgezwungene Produktion von Bootsmotoren stellte Klopsch ein. Die Maschinenausrüstung des Betriebes ist zwar nicht auf dem neuesten Stand – "aber auch nicht um Welten schlechter als in der Bundesrepublik", ein Rückstand also, der einzuholen ist. Zur Zeit sichern die Aufträge des Betriebes Beschäftigung für sieben Monate – auch dies durchaus Weststandard.

Gleichzeitig aber ist durch die Einführung der D-Mark auch sichtbar geworden, mit welchen Belastungen das Unternehmen in die neue Zeit geht. Am schwersten wiegt der Schuldenberg, den das SED-Regime dem Betrieb hinterlassen hat – vierzig Prozent des Betriebsmittelkredites, den Niles zur Überbrückung der kommenden Wochen aufgenommen hat, verschlingen allein die Zinsen für das belastende Erbe. Dies erbittert Klopsch vor allem deshalb, weil der Betrieb für diese Schulden gar nichts kann: "Wir können uns noch nicht einmal moralisch schuldig fühlen, denn mit unserer Gewinnabführung an den Staat von zwei Jahren hätten wir die Schulden zurückzahlen können." Peter Klopsch zieht trotzdem ein positives Fazit: "Wir können den Horizont schon sehen, auch wenn wir ihn noch nicht im einzelnen berechnen können."

Die Stimmung des Niles-Chefs ist derzeit typisch. "In den Betrieben kann man jetzt ein flaches Aufatmen feststellen", meint Volker Heyse, ein führender Repräsentant der noch jungen Zunft der DDR-Unternehmensberater. Der Psychologieprofessor wurde bereits Mitte der achtziger Jahre über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt, als er etwas für damalige DDR-Verhältnisse ziemlich Exotisches veranstaltete – Kreativitätskurse für Manager. Am 1. April dieses Jahres gründete er in Ost-Berlin zusammen mit Kollegen eines der ersten DDR-Beratungsunternehmen, die Gesellschaft für Innovation, Beratung und Training mbH (Gibt).