Nach Heyses Einschätzung haben die Manager in den DDR-Betrieben in den vergangenen Monaten ein Wechselbad der Gefühle durchgemacht. Der Euphorie nach der Maueröffnung am 9. November folgte im Februar der große Katzenjammer: Die Vereinigung Deutschlands zeichnete sich ab, die Belegschaften bäumten sich gegen die absehbaren Härten der Marktwirtschaft auf, und die Industrie aus der Bundesrepublik war viel zurückhaltender als erhofft. In Erwartung der Einheit, so jedenfalls der Eindruck, ging das Interesse an Kooperation zurück, man sah die DDR nur noch als potentiellen Absatzmarkt.

Verblüffende Leitbilder

Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Bundesbürgern steigerten sich, vor allem gegenüber jenem Typus, der die "Aura der Omnipotenz" um sich verbreitete (Heyse) und den armen Brüdern und Schwestern den Eindruck vermittelte: "Wir übernehmen den Laden und zeigen euch, wie man’s macht."

Inzwischen ist, so Heyse, "Ruhe in den Köpfen eingekehrt". Die neuen Strukturen sind erkennbar, und vor allem entfaltet die Währungsunion ihre Wirkungen in den Seelen der Menschen. "Die D-Mark bietet den DDR-Bürgern eine einmalige Chance der Aufwertung auch im ganz persönlichen Bereich."

Der Psychologe hatte das unbezahlbare Glück, noch kurz vor der Wende eine Befragung über die Leitbilder von DDR-Betriebsleitern abgeschlossen zu haben. Die Frage hieß damals: Wie muß der ideale Manager im Jahre 1989 aussehen und wie im Jahre 2000? Das Ergebnis war verblüffend. Für 1989 zeichneten die DDR-weit Befragten ein extrem konservatives Managerideal: Neben Intelligenz, analytischem Denkvermögen und ethischen Grundsätzen standen diplomatisches und planerisches Geschick, konservative Einstellung und korrektes Auftreten ganz oben auf der Skala. Für das Jahr 2000 dagegen nahmen die DDR-Kader schon in Teilen die vermuteten Anforderungen der Marktwirtschaft vorweg: So stand als Leitbild "Kreativität" bereits an zweiter Stelle. Als Heyse dann Anfang dieses Jahres die Befragung wiederholte, stellte er fest, daß die DDR-Manager sich in ihrem Ich-Ideal kaum noch von den Kollegen im Westen unterschieden: An erster Stelle stand jetzt die Forderung nach Begeisterungsfähigkeit, gefolgt von Kreativität und ethischem Verhalten.

Was können die DDR-Bürger an positiven Fähigkeiten in die neue gesamtdeutsche Wirtschaft einbringen? Heyse gesteht, daß ihn die Frage "nervös" mache, wenn mit ihr die Forderung nach direkt verwertbaren Fähigkeiten gemeint sei. Er sieht positive Eigenschaften seiner Landsleute vor allem "im philosophisch-moralischen Bereich" – ein Potential, das sich erst entfalten müsse: die Durchsetzungskraft speziell der DDR-Frauen, Geduld ("auch wenn dies nicht immer eine positive Eigenschaft ist"), Improvisationsgabe, Lernbegierde, die Fähigkeit zu hoffen sowie Überempfindlichkeit gegenüber jeder Form autoritärer Regime.

Sehr schnell schon seien die DDR-Bürger in der Lage, eine "Brückenfunktion" zwischen Ost und West wahrzunehmen: Einerseits könne der Osten Deutschlands ein Modell für den "unblutigen und konfliktarmen" Übergang von einem System zum anderen liefern, andererseits könnten die Menschen mit ihren vierzig Jahren Sozialismus-Erfahrung "aktive Dolmetscherdienste" für Westler leisten.

Mit letzterem fängt Heyse bereits im Herbst an: Er bietet ein Seminar für Manager aus der Bundesrepublik und der Sowjetunion an, auf dem beide Seiten lernen können, effektiv miteinander zu verhandeln.